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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Pestizide aus Hamburg

30.04.2010, PAN Germany, Susan Haffmans

Aus: PAN Germany Pestizid-Brief März / April 2010

Eine neue Studie von PAN Germany zeigt auf, welche Pestizide aus Hamburg exportiert werden, und sie ruft die Händler zur Umsetzung des internationalen Pestizid-Verhaltenskodex und zur Herausnahme der hochgefährlichen Pestizide aus ihren Produktlisten auf.1

Chemische Grundstoffe zählen sowohl im Stückgut- als auch im Massengutbereich zu den wichtigsten Gütergruppen des Hamburger Hafens. In Hamburg ansässige Pestizidfirmen, Zulieferer, Reedereien und Exporteure sind am internationalen Handel mit Pestizidprodukten, Pestizidwirkstoffen und Grundstoffen für die Pestizidherstellung beteiligt. Gehandelt wird national und international auch mit solchen Pestiziden, die als hochgefährlich für Mensch und/oder Umwelt eingestuft sind. Wie risikobehaftet ein gefährliches Pestizid ist, hängt nicht nur von der Toxizität des Wirkstoffs bzw. des formulierten Pestizidproduktes ab. Auch die sozioökonomischen Gegebenheiten im Importland bzw. Anwendungsland sind ausschlaggebend. Denn Ausbildungsstand, Lebensbedingungen und die politische Situation im Anwenderland sind Faktoren, die erheblichen Einfluss darauf haben, ob und in welchem Ausmaß Menschen und ihre Umwelt durch die Pestizide geschädigt werden.

Besonders in Entwicklungsländern verursachen Pestizide zum Teil erhebliche Schäden. Jährlich werden Millionen Menschen dort Opfer von Pestizidvergiftungen. Obgleich in Entwicklungsländern nur 20% der weltweit eingesetzten Pestizide angewandt werden, ereignen sich dort 99% aller globalen Pestizid-Vergiftungen. Ein neuer Monitoringbericht von PAN Asien und Pazifik dokumentiert die schlechten Pestizidanwendungs-, Lagerungs- und Entsorgungsbedingungen, die oft nicht einmal Minimalstandards entsprechen. Um Pestizidgefahren einzudämmen, wurde international der "Verhaltenskodex für das Inverkehrbringen und die Anwendung von Pflanzenschutz- und Schädlingsbekämpfungsmitteln" der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) vereinbart. Der 2002 vollständig revidierte Kodex hebt die Verantwortung der Regierungen, der Chemischen Industrie und der Lebensmittelindustrie, der Händler und Anwender sowie der zivilgesellschaftlichen Organisationen hervor, und er ruft sie auf, ihren Beitrag zu leisten, um pestizidbedingte Gefährdungen von Mensch und Umwelt zu reduzieren. Hierzu zählt u. a. die Vorgabe, gefährliche Mittel durch weniger gefährliche zu ersetzen. Dennoch werden weiterhin auch hochgefährliche Insektizide, wie die aus der Gruppe der Organophosphate und Carbamate, produziert und exportiert.

Von Organisationen der Zivilgesellschaft fordert der Pestizid-Verhaltenskodex, die Implementierung des Kodex zu überwachen (Art. 12.1 und 12.9). Auch mit der nun vorliegenden Studie über Pestizidexporte aus Hamburg ist PAN Germany dieser Verpflichtung nachgekommen. Bekräftigt wurde PAN dabei durch Monitoringberichte seiner Partnerorganisationen in Afrika, Asien und Lateinamerika, die wiederholt den unsachgemäßen Einsatz von Pestiziden und pestizidbedingte Vergiftungsfälle in Ländern des Südens dokumentierten. Bestärkt wird PAN auch von Seiten der UN, etwa durch den für den Umgang mit Pestiziden zuständigen Expertenausschuss der Weltlandwirtschaftsorganisation (FAO) und der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der PAN ausdrücklich ermunterte, mit der Monitoringarbeit fortzufahren.

Basierend auf einer 2008/2009 durchgeführten Online-Recherche identifizierte PAN Germany rund 40 in Hamburg ansässige Unternehmen, für die es Hinweise auf eine Tätigkeit im Bereich Chemie- und Düngemitteltransport, Pestizidtransport, Handel mit Pestizidwirkstoffen bzw. Agrochemikalien gab. Durch weitere Recherchen und gezielte Befragungen per Brief und Telefon wurde die Auswahl auf acht Unternehmen eingegrenzt, die zum Zeitpunkt der Recherche mit Pestiziden handelten und entsprechende Produktlisten mit pestiziden Wirkstoffen anboten. PAN Germany identifizierte 109 pestizide Wirkstoffe sowie acht Zwischenprodukte für Agrochemikalien, die von Firmen mit Sitz in Hamburg angeboten wurden.

Angesichts der Forderung des Pestizid-Verhaltenskodex, "gefährliche durch weniger gefährliche Mittel zu ersetzen", bewertete PAN Germany die Wirkstoffe anhand der PAN International Liste hochgefährlicher Pestizide. Danach wird ein Pestizid als hochgefährlich eingestuft, wenn es eines der folgenden Kriterien erfüllt:

  • hohe akute Toxizität (einschließlich hoher inhalativer Toxizität) und/oder,
  • hohe chronische Toxizität (krebserregend, erbgutschädigend, fortpflanzungsschädigend) und/oder,
  • hohe Umweltgefährdung.
Von den 109 Pestizidwirkstoffen, die auf Produktlisten Hamburger Unternehmen identifiziert wurden, wurden 77 als hochgefährlich erkannt. Firmen, die sich ihrer Verantwortung stellen wollen und dazu beitragen wollen, dass in den Importländern weniger Menschen durch Pestizide geschädigt werden und die Umwelt besser vor Pestizidkontamination geschützt wird, sollten die Umsetzung des Pestizid-Verhaltenskodex aktiv betreiben und das von der FAO vorgeschlagene "schrittweise Verbot hochgefährlicher Pestizide" unterstützen.

Die Studie zeigt, dass nur wenige mit Pestiziden handelnde Unternehmen bereit sind, sich kritischen Fragen zum Pestizidhandel und zur Firmenverantwortung zu stellen. Zu direkten Gesprächen waren diejenigen Unternehmen bereit, die bereits Schritte eingeleitet hatten, sich aus dem Handel mit Pestiziden zurückzuziehen oder keine hochgefährlichen Pestizide in Nicht-EU-Länder exportieren. PAN Germany wird deshalb weiterhin in Hamburg ansässige Pestizidfirmen beobachten und wo nötig, drängen, ihrer Verantwortung zum Schutz von Mensch und Umwelt vor gefährlichen Pestiziden gerecht zu werden.

(Susan Haffmans, PAN Germany)

1 Pestizide aus Hamburg. Handel mit hochgefährlichen Pestiziden durch Hamburger Unternehmen. Ergebnisse einer Recherche und Handlungsempfehlungen für beteiligte Unternehmen. 36 Seiten. Online unter www.pan-germany.org

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