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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Biozide: Von der Wand ins Grundwasser

30.04.2009, PAN Germany, Susanne Smolka

Aus: PAN Germany Pestizid-Brief März/April 2009

Ein aktuelles Schweizer Projekt untersucht den Gewässereintrag von Bioziden, die zunehmend gegen Algen- und Pilzbefall im Fassadenschutz eingesetzt werden 1,2. Viele der Biozid-Wirkstoffe sind mit Pestizid-Wirkstoffen identisch oder stammen aus derselben chemischen Stoffgruppe.

Werden Pestizidrückstände in Gewässern nachgewiesen, wendet sich der Blick sofort in Richtung Landwirtschaft und in den Bereich Pflanzenschutz. Weithin bekannt ist auch der relevante Gewässereintrag aus dem städtischen und kommunalen Bereich, wo Pestizide noch immer in Hausgärten oder auf öffentlichen Plätzen und Wegen eingesetzt werden. Eine bislang kaum beachtete Eintragsquelle sind jedoch behandelte Gebäudefassaden.

Das Projekt URBIC von der eidgenössischen Anstalt für Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz (Eawag) hat sich mit dem Gewässereintrag biozider Stoffe über den Eintragspfad Hausfassade beschäftigt. Biozide, die zum Materialschutz von Fassaden eingesetzt werden, sind oft den Pestizidwirkstoffen im Pflanzenschutz sehr ähnlich oder sie sind sogar identisch. Zum Beispiel wird der Phenylharnstoff Diuron oft in Farben und Putz eingesetzt. Im Pflanzenschutz darf Diuron jedoch als vormals weit verbreitetes Totalherbizid nicht mehr von Laien verwendet werden. Diuron gilt als einer der wichtigsten Kontaminanten von Grundwassern und Oberflächengewässern.

Das als Biozid verwendete Fungizid Carbendazim fällt nach der neuen EU-Pestizid-Zulassungsverordnung als reproduktionstoxischer und mutagener Stoff der Kategorie 2 unter die neue Auschlußregelung ("Cut-off") und darf zukünftig nicht mehr im Pflanzenschutz zugelassen werden. Die Biozide Cybutryn (Irgarol®1051) und Terbutryn gehören zu der Wirkstoffgruppe der Triazine, aus der auch das berühmt-berüchtigte, hochgradig gewässerbelastende Herbizid Atrazin stammt. Der hormonell schädigende Wirkstoff Terbutryn darf bereits seit längerem nicht mehr in der EU im Pflanzenschutz eingesetzt werden.

Mit Bioziden behandelte Fassaden erfreuen sich steigender Beliebtheit. Durch die bessere Wärmedämmung werden die Außenfassaden kälter und vor allem feuchter. Dies sind wiederum ideale Bedingungen für den Bewuchs durch Algen und Pilze. Bautechnisch betrachtet ist dies kein Problem, sondern (nur) ein optisch-ästhetischer Mangel. Dieser Aspekt reicht aber aus, dass in der Konsequenz nahezu jede gedämmte Fassadenbeschichtung heutzutage Biozide enthält, unabhängig davon, wie groß die Wahrscheinlichkeit für einen Bewuchs mit Algen oder Pilzen ist.

In Beregnungsversuchen fanden die Wissenschaftler der Eawag heraus, dass aus neuen Fassaden beispielsweise bis zu 7000 Mikrogramm Diuron und rund 700 Mikrogramm Carbendazin pro Liter Abfluss heraus gewaschen werden. Die Menge des freigesetzten Biozids nimmt ab, je mehr Regenereignisse stattgefunden haben. Bei Messungen an realen Gebäuden lagen die Biozidkonzentrationen eines neuen Gebäudes um den Faktor 1000 höher als bei einem vier Jahre alten Gebäude.

Das grundsätzliche Problem ist, dass die chemischen Wirkstoffe wasserlöslich sein müssen, um ihre Wirkung gegen Algen und Pilze entfalten zu können. Genau diese Stoffeigenschaft führt aber auch zur Auswaschung aus der Hausfassade. Der weitere Weg verläuft dann über die Kanalisation und die Kläranlage oder direkt über den Regenabfluss in die Oberflächengewässer oder über Versickerung in die Böden, gegebenenfalls bis ins Grundwasser.

Ein Fazit des leitenden Eawag-Wissenschaftlers Dr. Michael Burkhardt: "Der Umgang mit Bioziden beim Materialschutz sollte auf den Erfahrungen mit Pflanzenschutzmitteln aufbauen, damit nicht die Pestizide von gestern die Gebäude von morgen schützen"3. Dieser Empfehlung kann sich PAN Germany mit Blick auf die Neubewertung der genannten bioziden Wirkstoffe im Reviewprogramm der EU-Biozidrichtlinie nur anschließen.

(Susanne Smolka)

1 Moderne Gebäudefassaden setzen kontinuierlich Biozide frei. Neue Zürcher Zeitung, 21. Januar 2009: http://www.nzz.ch/nachrichten/ forschung_und_technik/moderne_ gebaeudefassaden_setzen_kontinuierlich_biozide_ frei_1.1742755.html
2 Burkhardt, M. et. al. (2008): Forschungsergebnisse zur Auswaschung von Bioziden aus Fassaden und zur Gewässerbelastung. Internationale (D-A-CH) Baufach- und Sachverständigen-Tagung Ausbau + Fassade ISK 2008, Nürnberg, 25.-26.4.2008, S. 105-116.
3 Burkhardt, M. (2008): Biozide in Gewässern. Factshet, November 2008, www.ETH-Bereich.ch

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