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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Risiken beim Biozideinsatz regulativ eindämmen

30.04.2009, PAN Germany, Susanne Smolka

Aus: PAN Germany Pestizid-Brief März/April 2009

Im Februar dieses Jahres stellte das Umweltdirektorat der EU Kommission Vertretern der Mitgliedsstaaten und Interessenverbänden einen Bericht vor, der die Anwendung und Risiken des Biozideinsatzes in der EU abschätzt und Optionen der Risikominderung und ihrer Regulierung auf EU-Ebene vorschlägt.1

Als vor gut sieben Jahren die Arbeit an einer Thematische Strategie zur nachhaltigen Anwendung von Pestiziden begann, wurde der Biozidsektor mit in dieses Konzept eingeschlossen. Damals wurde betont, dass über die Vermarktung und Anwendung und damit auch über die Risiken der Biozidanwendung wenig bekannt war und daher schwer Risikominderungsstrategien entwickelt werden konnten. Der nun vorliegende Bericht belegt, dass sich bisher nicht viel geändert hat.

Der Bericht wurde in der Rekordzeit von sechs Monaten durch die dänische Consultantfirma COWI A/S erarbeitet. Die Autoren verweisen wiederholt auf die unzureichende und veraltete Datenlage, auf deren Grundlage sie Optionen für regulierende Maßnahmen auf EU-Ebene erarbeiten sollten. Zwar gibt es seit 1998 eine EU-weit regulierte Prüfung und Zulassung für Biozide und Biozidprodukte. In der entsprechenden EU-Richtline wurde jedoch versäumt, harmonisierte Regelungen für die Verwendungsphase festzulegen. Die Situation ist somit weit intransparenter und inhomogener als im Pestizidsektor. Im Pestizidsektor wurde mittlerweile eine "Rahmenrichtlinie zum nachhaltigen Einsatz von Pestiziden" entwickelt, die im Laufe der nächsten Monate in Kraft treten wird. Da eine Überarbeitung der Biozid-Richtlinie ins Haus steht, besteht nun die Notwendigkeit, in diesem Bereich auch bei den Bioziden nachzubessern. Es stellt sich nur die die Frage, wie dies geschehen soll.

Die nun vorliegende Analyse soll genutzt werden, abzuwägen, welche Maßnahmen mit welchen legislativen Instrumenten auf europäischer Ebene festgelegt werden könnten, um die Anwendung von Bioziden im Sinne einer nachhaltigen, risikomindernden Strategie zu regulieren.

Der Bericht stellt verschiedene Optinen vor und analysiert die jeweiligen Vor- und Nachteile. Zum Beispiel könnte man alles beim Alten belassen und jeder Mitgliedsstaat entwickelt wie bisher eigene Risikomanagementstrategien. Eine andere Option wäre, wie in der Thematischen Strategie angedacht, die neue Rahmenrichtlinie für Pestizide um den Bereich der Biozide zu erweitern. Des Weiteren könnte eine eigene Rahmenrichtlinie geschaffen oder die bereits bestehende Zulassungsrichtlinie für Biozide um die Anwendungsphase erweitert werden. Die Autoren benennen verschiedene Elemente, die der Harmonisierung bedürfen: 1. Einheitliche Mindeststandards bei der Sachkunde, der Weiterbildung und den Regeln der "guten fachlichen Praxis" für professionelle Biozidanwender. 2. Einheitliche Qualitätsstandards für das technische Ausrüstung wie zum Beispiel Spritzgeräte und bei den Inspektionen dieser Geräte. 3. Die Entwicklung nachhaltiger und integrierter Ansätze, die auf Vermeidung, Vorsorge und Substitution (Alternativenförderung) basieren, wie zum Beispiel der des integrierten Schädlingsmanagements. Möglichkeiten und Potentiale neuer Techniken gestalten sich bei den verschiedenen Anwendungsbereichen von Bioziden unterschiedlich. Der Bericht empfiehlt daher vertiefende Studien, die diese Anwendungsbereiche je nach Produkttyp differenziert analysieren sollten.

Es überrascht nicht, dass der Bericht einen bunten Strauß von Optionen bindet, ohne konkrete Handlungsempfehlungen und Prioritätensetzungen anzubieten. Den Autoren ist kein Vorwurf zu machen, denn sie mussten mit einer dürftigen Datengrundlage arbeiten. So gibt es nicht einmal belastbare Aussagen zur Vermarktung. Auf der Basis alter und unvollständiger Daten der Biozidhersteller für notifizierte Biozide (für die Jahre zwischen 1998 und 2001) schätzen die Autoren eine absolute Mindestmenge der jährlichen Produktion und des Imports von rund 400.000 Tonnen. Es liegen keine Daten über den Import biozidbehandelter Erzeugnisse in die EU vor oder wie hoch der Anteil exportierter Wirkstoffe ist. Der größte Anwendungsbereich wird bei den Desinfektionsmitteln in Privathaushalten und im öffentlichen Sektor ausgemacht, gefolgt von der Trinkwasserdesinfektion.

Es gibt auch deutliche geographische Unterschiede. So werden in Nordeuropa mehr Holzschutzmittel eingesetzt, hingegen in Südeuropa mehr Schutzmittel für Mauerwerk. 24 Insektizid-Wirkstoffe werden auch in Pestizidprodukten eingesetzt, wobei der Biozidanteil bei vielen dieser Stoffe signifikant ist. Da bei vielen Produktgruppen wenig über die Verwendungsmenge bekannt ist bzw. die Daten veraltet sind, kann das Expositionsrisiko für Anwender und Umwelt nur qualitativ abgeschätzt werden. Relevant ist dabei, welche Personengruppen wie in Kontakt mit den Produkten kommen könnten, und ob ein Eintrag in die Umwelt, z.B. in Gewässer anzunehmen ist. Aufgrund der schrittweisen Überprüfung der verwendeten Alt-Wirkstoffe im Reviewprogramm liegen zudem erst wenige Informationen zu toxischen und ökotoxischen Gefährdungspotenzialen vor. Überprüft wurden bzw. werden zunächst die Holzschutzmittel, Rhodentizide und Insektizide. Unter Berücksichtigung dieser Begrenzung benennt der Bericht signifikante Risiken bei der Anwendung der folgenden Produkt-Typen: Desinfektionsmittel im privaten Bereich und im Gesundheitswesen; Desinfektionsmittel im Anwendungsbereich Lebensmittel und Futtermittel; Beschichtungsmittel; Holzschutzmittel (hohes Risiko); Schutzmittel für Mauerwerk; Schutzmittel für Flüssigkeiten in Kühl- und Verfahrenssystemen; Schleimbekämpfungsmittel; Rhodentizide; Insektizide (hohes Risiko); Antifouling-Produkte.

Aus Sicht von PAN Germany ist es dringend erforderlich, die Anwendungsphase von Biozidprodukten einheitlich, transparent und auf Risikominderung hin auszurichten und einen entsprechenden legislativen Rahmen in der EU zu schaffen 2. Ein weiteres Warten auf aussagekräftige Zustandsberichte oder vertiefende Studien ist aus Gründen der Vorsorge nicht angebracht, zumal die Biozidindustrie, die Behörden der Mitgliedstaaten und die EU-Kommission mehr als zehn Jahre Zeit hatten, entsprechende Informationen zu generieren.

(Susanne Smolka)

1 European Commission, DG Environment (2009): Assessment of different options to address risks from the use phase of biocides - Final report, Jan. 2009, CA-Feb09-Doc.5.3.1
2 PAN Germany (2008): Kernpunkte zur Fortentwicklung der EG-Biozidrichtlinie aus Sicht der Umwelt-, Verbraucher- und Tierschutzverbände, Positionspapier, März 2008, PDF: http://www.pan-germany.org/deu/~stellungnahmen.html

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