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PAN, BUND und Imkerbund fordern Verbot bienengefährlicher Pestizide

01.08.2008, Susan Haffmans, Katja Vaupel

Aus: PAN Germany Pestizid-Brief Juli/August 2008

Die Aussaat von mit bienengefährlichen Wirkstoffen gebeiztem Rapssaatgut läuft auf Hochtouren. Die Imker befürchten eine neue Welle der Vergiftung ihrer Bienenvölker. Am 17.7.2008 luden daher PAN, der BUND und der Deutsche Berufs- und Erwerbsimkerbund (DBIB) zu einer gemeinsamen Pressekonferenz nach Berlin, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen.

Rückblick: Im April und Mai 2008 starben in der Region Oberrhein in Baden-Württemberg zehntausende Bienenvölker. Verantwortlich dafür war das Insektizid Clothianidin der Firma Bayer CropScience. 1 Clothianidin ist Bestandteil des Bayer Beizmittels Poncho. Durch Abrieb bei der Maisaussaat gelangte der für Bienen hochgiftige Wirkstoff auf benachbarte Flächen und wurde dort von Bienen aufgenommen. Über 300 Millionen Bienen starben an den Folgen der Vergiftung. Das Agrarminister Horst Seehofer unterstellte Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) ordnete daraufhin am 15. Mai 2008 das Ruhen der Zulassung für acht Saatgutbehandlungsmittel an. Vorläufig nicht angewendet werden durften Mittel, die Clothianidin sowie andere bienengefährdende Wirkstoffe enthalten: Antarc (Wirkstoffe: beta-Cyfluthrin, Imidacloprid), Chinook (Wirkstoffe: beta-Cyfluthrin, Imidacloprid), Cruiser 350 FS (Wirkstoff: Thiamethoxam), Cruiser OSR (Wirkstoffe: Fludioxonil, Metalaxyl-M, Thiamethoxam), Elado (Wirkstoffe: Clothianidin, beta-Cyfluthrin), Faibel (Wirkstoff: Methiocarb, Imidacloprid), Mesurol flüssig (Wirkstoff: Methiocarb) und Poncho (Wirkstoff: Clothianidin). Dieser Schritt wurde von PAN begrüßt. Auf Kritik Seitens der Umweltverbände und der Imkerschaft stößt jedoch, dass das BVL schon am 25.6.08 die Zulassung der Beizmittel Antarc, Chinook, Cruiser OSR und Elado mit den bienengefährdenden Wirkstoffen Clothianidin, Imidacloprid, beta-Cyfluthrin und Thiametoxam für die Anwendung bei Raps wieder in Kraft setzte.

Raps ist in Deutschland eine der Hauptnahrungsquellen für viele Bienenvölker, insbesondere im Norden von Deutschland. Um ein erneutes Massensterben von Bienen zu verhindern, soll dem bienengefährlichen Rapsbeizmittel nun zusätzliches Haftmittel beigefügt werden. Zudem, so die Vorgabe, sollen bei der Aussaat von Raps nur Maschinen zum Einsatz kommen, die keinen Abriebstaub in die Luft abgeben. Das zusätzliche Haftmittel ist aus Sicht der Imker, des PAN und des BUND eine völlig unzureichende Maßnahme, die die Gefahr einer Schädigung von Bienen mit massiven Folgen für die Imkerei und die Landwirtschaft billigend in Kauf nimmt. Neben der Belastung über kontaminierte Stäube fürchten Imker die systemische Wirkung der Pestizide. Die Industrie wirbt gerade mit dieser Wirkung. In der Pflanzenschutz-Information der Firma Stähler zu dem Clothianidin-haltigen Insektizid Dantop heißt es: "Der Wirkstoff Clothianidin wird von der Pflanze sowohl über das Blatt als auch über die Wurzel aufgenommen, im Xylem nach oben, als auch in der Pflanze nach unten transportiert und in den Blättern zusätzlich translaminar verteilt. Durch die gute Verteilung in der Pflanze (systemisch) schützt Dantop nicht nur behandelte Pflanzenteile, sondern auch den Neuzuwachs und andere von der Spritzbrühe nicht getroffene Bereiche wie etwa die Blattunterseite. Der Wirkstoff Clothianidin blockiert die Acetylcholin-Rezeptoren im zentralen Nervensystem und führt zu einer raschen Schädigung der Insekten, die dadurch umgehend ihre Fraß- und Saugtätigkeit an den Pflanzen einstellen. Dabei werden ungleichmäßige Reize ausgelöst, welche zu unkontrollierten Bewegungen führen, letztlich das Nervensystem überlasten und den Tod des Schädlings herbeiführen." 2 Wissenschaftliche Untersuchungen gehen davon aus, dass Bienen besonders empfindlich reagieren, da sie den Wirkstoff im Vergleich zu anderen Insekten schlechter verstoffwechseln, d.h. entgiften können. 3 Schäden für Imkerei und Landwirtschaft sind aufgrund dessen zu befürchten.

Bienen wichtig für die Landwirtschaft

Für die Landwirtschaft sind Bienen von großer Bedeutung. Sie bestäuben viele Kulturpflanzen wie Raps, Obstbäume und Gemüsesorten und tragen so erheblich zum Ernteerfolg bei. 35% der weltweiten Nahrungsmittelproduktion hängen nach Angaben der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) von Bestäubern ab. Zu diesen gehören neben Bienen auch Vögel, Schmetterlinge, andere Insekten und Säugetiere wie Fledermäuse. Darüber hinaus zeigen die meisten Kulturpflanzen durch Tierbestäubung natürliche Produktionssteigerungen zwischen 5 und 50 %.4Der weltweite Rückgang von Bestäubern gefährdet daher die Lebensmittelsicherheit und die Vielfalt an gesunden Lebensmitteln. Mangels Blütenbestäubung wird für das nächste Jahr am Oberrhein, also dort, wo Millionen von Bienen durch die Pestizidvergiftung verendeteten, mit einer Beeinträchtigung der Obsternte gerechnet.

Auswirkungen auf die Biodiversität

Bienen haben eine wichtige Ökosystem-Funktion. Ohne ihre Bestäubungsleistung würde vielen Tieren ein Teil ihrer Nahrungs- und Lebensgrundlage fehlen. Bienen und andere Blütenbestäuber - rund 300.000 Tierarten insgesamt 5 - sichern die Vielfalt der in der Natur vorkommenden Pflanzen. Weltweit sinkt die Anzahl der Bestäuberarten alarmierend. Ein Grund sind die großen landwirtschaftlichen Nutzflächen mit Monokulturen und hohem Pestizideinsatz.6 Die Notwendigkeit, den Schutz und die Vielfalt von Bestäubern zu gewährleisten, wurde international bereits 2002 anerkannt. Gerade im landwirtschaftlichen Bereich muss gehandelt werden. Über Fruchtfolgeregelungen, durch die Reduktion des Pestizideinsatzes und das Zulassen blühender "Unkräuter" und gezielter Anlage von Blühstreifen lässt sich die Situation der Bestäuber erheblich verbessern.

Bienengefährdende Stoffe in Deutschland und in der EU

Derzeit werden in der EU alle Pestizid-Wirkstoffe einer Prüfung unterzogen. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Von den bereits neu bewerteten und zugelassenen Wirkstoffen, darunter Clothianidin, beta-Cyfluthrin, Methiocarb und Thiamethoxam, sind 26 als bienengefährlich eingestuft. 12 ebenfalls bienengefährliche Wirkstoffe, darunter Imidacloprid, durchlaufen derzeit noch das Bewertungsverfahren. Ist ein Wirkstoff zugelassen, kann er Bestandteil eines Pestizidproduktes werden. Die Produkt-Zulassung liegt bei den zuständigen Behörden der EU-Mitgliedsstaaten, in Deutschland beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL).

Alle Pestizide müssen in Deutschland hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf Bienen geprüft und gekennzeichnet werden. Dennoch kommt es alljährlich zu Vergiftungen von Bienenvölkern. Diese zu untersuchen, ist gemäß Pflanzenschutzgesetz § 33 Absatz 2 Nr. 8 Aufgabe des Julius Kühn Instituts (JKI, ehemalige BBA). Im Jahr 2003 gingen in der Bienenuntersuchungsstelle 217 Einsendungen zu 178 Schäden von 222 betroffenen Imkern mit insgesamt 645 Proben ein. Davon wurden 382 Proben, die im Biotest einen positiven Befund aufwiesen, chemisch untersucht. In den geprüften 151 Bienen- und 231 Pflanzenproben wurden insgesamt 64 Wirkstoffe und Metabolite festgestellt.

Exporte bienengefährdender Stoffe

Deutsche Pestizidhersteller exportieren große Mengen an zum Teil hochgefährlichen Stoffen. Nicht überprüfbar ist, in welche Länder diese gelangen, da die Hersteller diese Daten nicht veröffentlichen müssen. Gemäß § 19 des deutschen Pflanzenschutzgesetzes sind Hersteller und Vertreiber von Pestiziden jedoch verpflichtet, jährlich die Menge der verkauften Pestizide und die darin enthaltenen Wirkstoffe an das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zu melden.7 Daraus wird deutlich, dass exportierte Mengen zum Teil weit über den in Deutschland verkauften Mengen liegen. Die Daten aus dem vergangenen Jahr zeigen, dass bei Clothianidin und beta-Cyfluthrin die exportierte Menge bis zu 10fach über der im Inland abgesetzten Menge lag, bei Imidacloprid und Methiocarb sogar bis zum 100fachen.8 Mit dem Export von Pestiziden exportieren deutsche Firmen auch die damit verbundenen Risiken, die bei Transport, Lagerung, Anwendung und Entsorgung entstehen.

Pestizid-Zulassung mangelhaft

Im Zulassungsverfahren für Pestizide werden von den zuständigen deutschen Behörden auch die möglichen Auswirkungen auf Bienen untersucht. Nach Aussagen des BVL konnten bei Tests zur Wirkung der Saatgutbehandlung durch das Mittel Poncho (Wirkstoff: Clothianidin) keine negativen Auswirkungen "auf Mortalität, Volksentwicklung, Brutenwicklung, Flugintensität, Verhalten und das Orientierungsvermögen festgestellt werden. Rückstände von Clothianidin in Materialien, die für Bienen relevant sind, lagen deutlich unter den für Bienen kritischen Konzentrationen."9 Das Clothianidin-haltige Beizmittel Poncho bekam daher auch eine B3-Kennzeichnung mit dem Hinweis "Aufgrund der durch die Zulassung festgelegten Anwendung des Mittels werden Bienen nicht gefährdet"10. Das Bienensterben im Frühjahr belegt jedoch, dass Bienen sehr wohl zu Schaden kommen können, und dass die durchgeführten Tests nicht ausreichend waren. Die Imker kritisieren u. a., dass Bayer Crop Science Feldversuche mit Sommer-Raps, Sonnenblumen und Mais durchgeführt hatte. Eine Übertragung auf Winterraps sei nicht gegeben. Die erst genannten Kulturen blühen im Juli und August. Winterraps blüht bereits von April bis Juni. Winterraps ist für die Honigbienenvölker in Deutschland die erste große Tracht und die erste Möglichkeit, Vorräte an Pollen und Nektar für den Rest der Saison anzulegen. Mit diesen Vorräten wird auch die Brut gefüttert. Es muss daher berücksichtigt werden, dass Jungbienen möglicherweise bereits bei der Fütterung Clothianidin aufgenommen haben und daher vorbelastet sind. Fütterungsstudien, die auf unbelastete Vorräte zurückgreifen, sind nicht aussagekräftig. Des Weiteren gibt Bayer CropScience eine Halbwertzeit für Clothianidin von weniger als einem Jahr an, während die amerikanische Zulassungsbehörde Environmental Protection Agency eine Halbwertzeit von bis zu 1.155 Tagen angibt. Aufgrund der Persistenz des Stoffes ist auch mit einer Anreicherung in den Ackerböden zu rechnen.11

Alternativen sind vorhanden

Das Insektizid Clothianidin wird u.a. gegen den Maiswurzelbohrer eingesetzt. Eine Bekämpfung ist aber auch ohne Pestizide möglich. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) schreibt, dass "starke Schäden besonders in Gebieten mit intensivem Maisanbau zu erwarten (sind), in denen Mais nach Mais angebaut wird". Bereits wenn Mais im Wechsel mit einer anderen Kultur angebaut wird, kann die Gefahr einer Massenvermehrung des Schädlings erheblich reduziert werden. Bei einer Fruchtfolge mit drei oder mehr Kulturen besteht keine Gefahr von Massenvermehrungen oder dauerhafter Etablierung des Schädlings mehr12. Dass ein Verzicht auf die hier genannten bienengefährdenden Beizmittel die Landwirtschaft nicht schädigt, zeigt die landwirtschaftliche Praxis in unserem Nachbarland Frankreich: Auf 2,8 Millionen Hektar wird Mais ohne den Einsatz von Clothianidin- und Imidacloprid-haltigen Beizmitteln angebaut.

Das Bienensterben zeigt, dass der Einsatz gefährlicher Pestizide nicht zuverlässig kontrolliert werden kann. Technische Mängel, aber auch Anwendungsfehler der Landwirte und Fehleinschätzungen können zu anderen Belastungssituationen führen, als im Zulassungsverfahren theoretisch angenommen.

Forderungen

PAN, der BUND und der DBIB fordern:
  • Umgehende Beendigung der Zulassung von bienengefährlichen Pestiziden
  • Überprüfung aller derzeit zugelassenen Agro-Chemikalien (insbesondere der Neonicotinoide) auf Bienengefährlichkeit
  • Aufnahme der Bienengefährlichkeit als Ausschlusskriterium in die Pestizid-Zulassungverordnung der EU
  • Verbesserung der Zulassungsprüfungen (z.B. Prüfung der Pestizidwirkung auf die Überwinterungsfähigkeit des Bienenvolkes)
  • Förderung und Nutzung von
  • Alternativen, u.a. Verbot des Anbaus von Mais in Monokultur
  • Förderung des Ökolandbaus
  • Reduktion des Pestizideinsatzes um 30% innerhalb von 5 Jahren
  • Aufnahme von Biodiversitätsindikatoren in den Nationalen Aktionsplan zur nachhaltigen Anwendung von Pflanzenschutzmitteln
  • Offenlegung der Exporte bienengefährlicher Pestizide

(Susan Haffmans, Katja Vaupel)


1 Alexandra Perschau (2008): Beispielloses Bienensterben in Baden, Pestizid-Brief Mai/Juni
2 http://www.staehler.at/staehlerweb.nsf/ News/F4C78ADF5DBDE037C125727B0045AC01/$File/Dantop%20Topinfo%2007_MG70110.pdf
3 C Claudianos et al. (2006): A deficit of detoxification enzymes: pesticide sensitivity and environmental response in the honeybee in Insect Mol Biol. 2006 October; 15(5): 615-636. doi: 10.1111/j.1365-2583.2006.00672.x.
4 BfN, Hintergrundinfo: Blütenbestäuber sichern Biodiversität, Mai 2008
5 FAO, Pollination Services for Sustainable Agriculture, 2008
6 Vgl. 6. Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention, April 2002 sowie Sao Paulo Bestäuber-Initiative
7 Biologische und chemische Untersuchungen an Bienen. http://www.jki.bund.de/nn_ 916174/DE/Home/pflanzen__schuetzen/bienen/biolchem__untersuch__bien.html
8 BVL, Absatz an Pflanzenschutzmitteln in der Bundesrepublik Deutschland. Ergebnisse der Meldung gemäß § 19 Pflanzenschutzmittelgesetz für das Jahr 2007
9 BVL, Hintergrundinformation zu den lokal aufgetretenen Bienenschäden in Süddeutschland, Website 15.07.08
10 BVL (2008) Pflanzenschutzmittelverzeichnis, S.19
11 Hederer, Manfred, DBIB, Offener Brief an Dr. Nolting, BVL, 06.07.08
12 Axel Mayer(2008): Maiswurzelbohrer, Bienen, Grundwasser: Pleiten, Pech und Umweltbelastung. http://www.frsw.de/mais.htm#Maiswurzelbohrer,%20Bienen,%20Grundwasser:%20Pleiten,%20Pech%20und% 20Umweltbelastung

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