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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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UN Agrarrat fordert weltweite Agrarreform

23.06.2008, Susan Haffmans

Aus: PAN Germany Pestizid-Brief Mai/Juni 2008

Die Zukunft der weltweiten Ernährungssicherheit und einer nachhaltigen Entwicklung liegt in kleinbäuerlichen, agrar-ökologischen Anbausystemen. Dies macht der "Weltagrarrat" nach vier Jahren intensiver Analyse in seinem Bericht deutlich.

Die herkömmlichen, energie- und chemieintensiven Strategien der Agrarwirtschaft sind laut IAASTD Bericht (International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development) den Herausforderungen einer zukunftsfähigen Nahrungssicherung und gerechten Entwicklung nicht gewachsen. Die Weltgemeinschaft ist aufgefordert, tief greifende Veränderungen in der Landwirtschaft umzusetzen, um den rasant steigenden Preisen für Nahrungsmittel, Hunger, sozialer Ungerechtigkeit und Umweltschädigungen zu begegnen.

In einem bislang einzigartigen, demokratischen, vier Jahre währenden Prozess haben über 400 WissenschaftlerInnen aus der ganzen Welt Antworten auf die Frage gesucht, was an den bestehenden landwirtschaftlichen Produktionssystemen geändert werden muss, um Armut und Hunger in der Welt dauerhaft zu bekämpfen und zu klären, welche landwirtschaftlichen Produktionssysteme besonders geeignet sind, um eine gerechte und langfristig nachhaltige Entwicklung gewährleisten zu können. Auf Initiative der Weltbank hatten Regierungen, Organisationen der Vereinten Nationen, führende Forschungseinrichtungen, die Industrie und die Zivilgesellschaft sich gemeinsam auf unabhängige Wissenschaftler geeinigt, die sich an dem globalen Wissenschaftsratschlag zur Zukunft der Landwirtschaft mit dem sperrigen Titel Internationale Bewertung der Agrarforschung und Technologie für Entwicklung (The International Assessment of Agricultural Knowledge, Science and Technology for Development - IAASTD) beteiligt haben. Die Zwischenergebnisse wurden zwei Mal zur öffentlichen Diskussion gestellt und überarbeitet ehe sie im Frühjahr 2008 in Johannisburg von den Regierungsvertretern verabschiedet wurden.

Das Ergebnis dieses Kraftakts wurde am 15. April 2008 in Form des IAASTD Reports veröffentlicht. Sein Fazit: Um den Nahrungsmittelbedarf der Welt in Zukunft decken zu können, muss eine Abkehr von der derzeitigen Agrarproduktion stattfinden. Robert Watson, Direktor des UN IAASTD, brachte das Ergebnis mit folgenden Worten auf den Punkt: "Business as usual is not an option."

Die sieben Schlüsselergebnisse des IAASTD1:

  • Landwirtschaft beinhaltet mehr als zu ernten: Landwirtschaft hat zahlreiche soziale, politische, kulturelle und umweltrelevante Implikationen.
  • Die Zukunft der Landwirtschaft liegt in agro-ökologischen Anbausystemen und nachhaltigen Wirtschaftsweisen, d. h. solchen, die soziale, ökologische und ökonomische Ziele miteinander verbinden.
  • Es ist gefährlich und nicht nachhaltig, sich auf eine Ressourcen ausbeutende, industrielle Landwirtschaft zu verlassen. Kurzfristige technische Lösungsansätze bieten keine dauerhaften Lösungen für komplexe Herausforderungen und verschlimmern oft soziale Missstände und Umweltschädigungen.
  • Die Gewährleistung von Nahrungssicherheit und die nachhaltige Sicherung der Existenzgrundlage der Menschen in den von Armut und Hunger am meisten betroffenen Gebieten ist abhängig von der Gewährleistung des Zugangs zu und der Kontrolle von Ressourcen durch Kleinbauern.
  • Faire lokale, regionale und globale Handelsbeziehungen können den Aufbau lokaler Ökonomien unterstützen, und sie können Armut vermindern, und eben auch Lebensbedingungen verbessern.

  • Indigenes Wissen und Innovationen, die sich aus ländlichen Gemeinschaften heraus entwickeln, sind wichtige Bestandteile einer Landwirtschaft, die in der Lage ist, flexibel auf Veränderungen im Sozialgefüge oder auf veränderte Umwelt- und klimatische Bedingungen zu reagieren.
  • Das Treffen richtiger (guter) Entscheidungen bedarf des Aufbaus besserer Steuerungsmechanismen und der Wahrnehmung demokratischer, partizipativer Entscheidungsprozesse unter Einbeziehung aller beteiligten bzw. betroffenen Stakeholder.

Der IAASTD mahnt an, dass die kleinbäuerliche low-input Landwirtschaft entscheidende soziale und ökologische Funktionen hat, die es zu schützen gilt, und dass Nationen und Menschen das Recht haben müssen, ihre Nahrungs- und Landwirtschaftspolitik demokratisch zu bestimmen. Die Aussagen des IAASTD sind eindeutig: Das alte Paradigma einer industriellen Landwirtschaft mit hohem Energie- und Chemikalieneinsatz ist nicht mehr zeitgemäß. Die volle Einbeziehung lokalen und indigenen Wissens, die Stärkung von Frauen, die die Hauptlast landwirtschaftlicher Arbeit in den Entwicklungsländern tragen, und ein Forschungsschwerpunkt für kleinbäuerliche und agro-ökologische Anbaumethoden sind wesentliche Elemente zur Förderung einer Landwirtschaft, die den Weg aus der derzeitigen Krise geht. "Wichtig ist jetzt ein Weckruf für Regierungen und internationale Organisationen. Sie müssen ihre Förderung erhöhen und eine landwirtschaftliche Revolution einleiten, die am Öko-Landbau ausgerichtet ist." sagte Dr. Marcia Ishii-Eiteman von PAN-Nordamerika in Johannisburg kurz nach Fertigstellung des IAASTD Berichtes am 11. April 2008. 2

Die derzeitige Nahrungskrise hat zahlreiche Ursachen: Veränderte Nahrungsgewohnheiten in großen Schwellenländern, klimabedingte Ernteausfälle, Spekulationen, Umwidmung von agrarischen Nutzflächen für den Anbau von Agrartreibstoffen. Gleichwohl, und dies hat der IAASTD Bericht deutlich dokumentiert, liegen die tieferen Ursachen für die heutige Krise begründet in jahrzehntelanger Vernachlässigung des kleinbäuerlichen Sektors, in unfairen Handelsbestimmungen und in der Politik der nördlichen Industriestaaten, ihre Nahrungsüberschüsse zu Dumpingpreisen unterhalb der lokalen Produktionskosten in Entwicklungsländer zu entsorgen. Diese Faktoren, verbunden mit der großen Abhängigkeit von einer die Umwelt zerstörenden, industriellen Landwirtschaft, haben zu einer Vernichtung regionaler Anbaustrukturen und Anbaugemeinschaften auf der ganzen Welt geführt.

Der IAASTD analysiert nicht nur, sondern nennt auch Maßnahmen, wie der Nahrungskrise begegnet werden kann: Durch die Stärkung von Bauernorganisationen, durch die Schaffung fairerer und transparenterer Handelsabkommen und durch eine stärkere lokale Beteiligung in gesetzgebenden und anderen Entscheidungsprozessen. Ziel muss sein, strukturelle Ungleichheiten zwischen und innerhalb von Ländern zu verringern, den Zugang ländlicher Gemeinschaften zu und die Kontrolle von natürlichen Ressourcen zu gewährleisten und so den Weg zu lokaler und nationaler Nahrungssouveränität zu ebnen. 1

Der Bericht (Executive Summary of the Synthesis Report) wurde im südafrikanischen Johannesburg von 60 Regierungen verabschiedet. Kanada, die USA und Australien, die zuvor wichtige Formulierungen aufgeweicht hatten, sowie Großbritannien, lehnten zum Schluss den Bericht als unausgewogen ab. Vertreter der Agrochemie- und Biotechnologie-Industrie hatten bereits zum Jahreswechsel den gemeinsamen Prozess verlassen, als sich abzeichnete, dass ihre Favorisierung gentechnischer Methoden von den Wissenschaftlern nicht gestützt wird. 2 Anders als seine Nachbarn Frankreich und Polen hat sich Deutschland nicht an der Ausarbeitung des IAASTD beteiligt und gehört auch nicht zu den Unterzeichnenden Nationen. Und weder auf der Homepage des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz noch auf der Seite des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit befindet sich bislang ein Hinweis auf das IAASTD. 4

Damit aus dem Bericht nicht ein Papiertiger, sondern ein Zukunftsmodell für eine umwelt- und sozialgerechte Landwirtschaft wird, müssen Regierungen und Nichtregierungsorganisationen jetzt die Umsetzung der Forderungen des IAASTD Berichts ernsthaft und zielorientiert vorantreiben. Der größte Kampf bei der Umsetzung der Handlungsempfehlungen des IAASTD wird zunächst in den Köpfen stattfinden müssen. Denn was die einen derzeit in Not und Krisen stürzt - die Verknappung von Nahrungsmitteln - ist der anderen Gewinn: Die chemische Industrie freut sich derzeit über den Nachfrageboom nach Kunstdünger und Pestiziden (siehe die Beiträge in diesem PB) und Vorteilnehmer der industriellen Landwirtschaft kritisieren zunehmend lautstark den Ökologischen Landbau und versuchen ihn zu diskreditieren. 5


1 Judgment from Johannesburg: "Business as Usual is Not an Option" Pesticide Action Network, May 2008

2 Eine andere Landwirtschaft ist möglich und nötig. Internationaler Landwirtschaftsbericht fordert radikale Umkehr bei Agrarforschung und Entwicklung. http://www.agassessment-watch.org/docs/german_ngo_statement_15april.pdf )

4 Ergebnis der Suche nach dem Stichwort "IAASTD" auf der BMELV Website 3.6.08

5 Kunstdünger und Pestizide erleben wahren Boom. Artikel in Die Welt unter http://www.welt.de/wirtschaft/article1962028/Kunstduenger_und_Pestizide_erleben_wahren_Boom.html


Weitere Informationen zum IAASTD-Bericht:

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