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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Kopfläuse bekämpfen ohne Lindan

01.01.2008, Susan Haffmans

Aus: PAN Germany Pestizid-Brief Januar/Februar 2008

In Deutschland gibt es etwa 1,5 Mio. festgestellte Kopflausfälle pro Jahr. Seit dem 31.12.2007 sind Lindan-haltige Läusemittel in Deutschland nicht mehr zugelassen. In Kalifornien gilt bereits seit 2002 ein Verbot für die Anwendung von Lindan zur Bekämpfung von Kopfläusen und Krätze. Eine im Dezember 2007 veröffentlichte Studie des National Institute of Environmental Health Sciences (NIEHS) zieht eine erste Bilanz1.

Ausgangslage für das Verbot von Lindan zur Kopflausbekämpfung in Kalifornien war die Sorge über die zunehmende Belastung von Abwässern mit Pharmazeutika. Die Verunreinigung von Grundwasser, Oberflächenwasser und Trinkwasser mit Pharmazeutika ist ein weltweites Problem. Bislang wurden rund 100 Wirkstoffe identifiziert, darunter Beta-Blocker, Flammschutzmittel, Antidepressiva, Kontrazeptiva und Lindan. Die Mittel gelangen durch unsachgemäße Entsorgung über die Toilette, über das vorgeschriebene Auswaschen oder über Urin und Kot in den Wasserkreislauf. Besonders problematisch erschien den zuständigen Behörden die Belastung der Gewässer und hierüber der Umwelt und der Bevölkerung mit persistenten Stoffen, die sich in der Nahrungskette anreichern und Stoffe mit hormoneller Wirksamkeit.

Da Lindan zur Kopflausbekämpfung auf das Haar aufgebracht und dann ausgespült wird, gelangt es mit dem Abwasser in den Wasserkreislauf. Die Wasserwerke sind nicht darauf ausgelegt, Lindan herauszufiltern und so gelangt der Wirkstoff weiter in Flüsse und Meere. In Kalifornien darf Trinkwasser eine Lindan-Konzentration von 19 ppt nicht überschreiten. Dieser Wert basiert auf Untersuchungen zum Krebsrisiko bei oraler Langzeitexposition. Eine einmalige Behandlung des Kopfes mit einem Lindan-haltigen Anti-Läusemittel würde hiernach ausreichen, um mehr als 22 Millionen Liter Wasser derart zu kontaminieren, dass dieser Wert überschritten würde. Vor dem Verbot von Lindan lag die durchschnittliche Belastung des Abwassers mit Lindan bei 36 ppt. Nach vier Jahren Verbot ist die Belastung bis zur Nachweisgrenze zurückgegangen.

Auch die Anzahl ungewollter Expositionen hat abgenommen: Gingen beim California Poison Control System 1998 noch 135 von 100.000 Anrufen wegen ungewollter Lindan-Exposition ein, so waren es in den Jahren nach dem Verbot nur noch 2 von 100.000.

Während 1997 noch über 114.000 Rezepte für Lindan-haltige Mittel verschrieben wurden, fiel die Zahl im Jahr 2002 auf 34. Umfrageergebnissen zufolge ergaben sich aus dem Verbot bei 78% der befragten Ärzte keine Schwierigkeiten bei der Umstellung der Behandlung von Läusen und Krätze. Als alternative Behandlungsmethoden wurden bei der Erstbehandlung in der Regel Mittel mit 1%igem oder 5%tigem Permethrin eingesetzt, darüber hinaus kamen Mittel mit Pyrethrum zum Einsatz. Die Hälfte der Zweitbehandlungen erfolgte mit Malathion-haltigen Mitteln oder erneut mit 5%igem Pyrethrum.



Lindan

 ist das Gamma-Isomer von Hexachlorcy­clohexan (γ-HCH). Es gehört zur Gruppe der Organochlorverbindungen, einer Gruppe von Insektiziden, die seit den 1940er Jahren in der Landwirtschaft u.a. zur Bekämpfung von Getreide- und Gemüseschädlingen und zur Bekämpfung von Nutztier-Lästlingen eingesetzt werden, aber auch außerhalb der Landwirtschaft, und hier für therapeutische Zwecke. Lindan ist für Wasserorganismen sehr giftig. Es hat laut WHO-Klassifizierung eine moderate akute Humantoxizität und es steht im Verdacht krebserregend zu sein. Zudem ist es persistent und reichert sich deshalb in der Nahrungskette an (bioakumulativ). Wegen dokumentierter schwerer Schadwirkungen wie Parästhesien (schmerzhafte Fehlempfindungen der Haut) und Krampfanfällen sowie Todesfällen, die sowohl nach korrekter Anwendung als auch nach nicht bestimmungsgemäßem Gebrauch (am häufigsten nach wiederholter Anwendung wegen Therapieversagens) aufgetreten sind, rieten kritische Ärzte bereits vor dem Verbot von Lindan von dessen Anwendung ab4. Lindan ist der Rotterdam Konvention unterworfen und darf deshalb international nur nach gegenseitiger Zustimmung gehandelt werden. Im November 2007 hat es eine weitere Hürde bezüglich der Aufnahme in die Stockholm Konvention zur globalen Eliminierung bestimmter gefährlicher Chemikalien genommen.

Trotz seit Jahren rückläufiger Produktionszahlen verursacht Lindan nach wie vor erhebliche Probleme. Es wird geschätzt, dass es weltweit 2 bis 4,8 Mio. Tonnen HCH-Ab­fall­produkte gibt, die aufgrund ihrer Persistenz und Toxizität ein erhebliches Gefährdungspotential bergen und deren Entsorgung ungeklärt ist.



Da auch diese Wirkstoffe nicht unbedenklich sind, wird unter anderem auch nach pestizidfreien Behandlungsmitteln gesucht. Das Thema nicht-chemische Alternativen zur Kopflausbekämpfung wird in der Studie des NIEHS nur kurz gestreift und es wird auf andere Studien verwiesen. Die nichtchemischen Verfahren beruhen meist auf Austrocknung oder Ersticken der Lästlinge oder auf mechanischer Behandlung, wie etwa einer speziellen Form des Nass-Kämmens. Mechanische Verfahren haben den Vorteil, dass sie gesundheitlich unbedenklich sind und es hierdurch nicht zu Resistenzbildungen kommen kann. Allerdings sind die rein mechanischen Verfahren, wie sie auch von Seiten des Robert-Koch-Instituts empfohlen wer­den, bislang in ihrer Wirksamkeit den kombinierten mechanisch-chemischen Verfahren unterlegen.

Das Verbot von Lindan zur Behandlung von Kopfläusen und Krätze wurde in Kalifornien durch eine große Öffentlichkeitskampagne begleitet, die die Gründe für das Verbot darlegte und Alternativen aufzeigte. Nach vier Jahren ziehen die AutorInnen der Studie eine positive Bilanz: Die Belastung der Abwässer mit Lindan ist zurückgegangen, ungewollte Expositionen werden kaum noch gemeldet und die Bekämpfung der Läuse mit anderen Mitteln bereitet weder Schwierigkeiten, noch führt sie zu einem Anstieg der Läuse-Epidemien.

Seit dem Januar 2008 ist auch in Deutschland auf Lindan-haltige Läusemittel zu verzichten. Auch hier sind Alternativmittel auf dem Markt. Im Groben unterschieden wird zwischen Arzneimitteln und Medizinprodukten. Auch einige kosmetische Haarpflegemittel sollen vor Kopflausbefall schützen. Die insektiziden Arzneimittel zur Kopflausbekämpfung enthalten Pyrethrum oder Pyre­thro­ide (Bioallethrin, Permethrin – Neuaufnahme 2006). Pyrethrum ist hoch und schnell wirksam gegen alle Entwicklungsstadien der Läuse und zerfällt relativ schnell. Bioallethrin ist ebenso hoch und schnell wirksam. Permethrin führt zu einer irreversiblen Schädigung der Läuse, die aber relativ langsam sterben. Als erstes Medizinprodukt wurde 2006 ein Mittel auf der Basis von Kokosnussölderivaten geprüft und mit zweijähriger Befristung in die Entwesungsmittelliste des UBA aufgenommen. Es zeigte unter Laborbedingungen eine schnell abtötende Wirkung auf alle Läusestadien. Für alle Mittel gilt, dass zur Empfehlung einer optimalen Wirkung die Haare mit dem Mittel sehr gut durchtränkt werden müssen. Und auch wenn Hersteller dies nicht ausdrücklich empfehlen, muss die Anwendung 8-10 Tage nach der Erstbehandlung wiederholt werden. Entscheidend für den Erfolg einer Kopflausbekämpfung ist die Wahl eines hochwirksamen Mittels und dessen konsequente Anwendung bis zur Tilgung des Kopflausbefalls3.

Die kritische Ärzteschaft betont seit Jahren den Mangel an klinischen Studien zur Kopflaustherapie. Zu keinem der hierzulande angebotenen Mittel gäbe es aussagefähige, randomisierte, kontrollierte Untersuchungen von hinreichender methodischer Qualität. Ergebnisse aus Studien mit Präparaten aus anderen Ländern, die zwar hierzulande verfügbare Wirkstoffe enthalten, sich aber in der Konzentration und/oder Art der Zubereitung unterscheiden, lassen sich nach Aussage der kritischen Ärzte nicht übertragen4.

Das Umweltbundesamt (UBA) prüft auf Antrag der Hersteller oder bei besonderem Bedarf auch von sich aus die Wirksamkeit von Mitteln zur Schädlingsbekämpfung einschließlich Präparaten gegen Kopfläuse, die dann gegebenenfalls in die Entwesungsmittelliste aufgenommen werden (Auflistung von Mitteln, die bei behördlich angeordneter Entwesung angewendet werden dürfen). Geeignete Mittel müssen u. a. eine ausreichende Sofortwirkung erzielen, also die Läusepopulation schnellstmöglich und zu 100% töten. Dabei ist ein ovizider (eiabtötender) Effekt erwünscht, aber nicht zwingend erforderlich. Es reicht, dass entweder aufgrund eines Residualeffektes aus der ersten Applikation oder durch eine zweite entwicklungszyklusgerechte Anwendung alle nachschlüpfenden Larven getötet werden. Die Entwesungsmittelliste führt derzeit die folgenen Mittel auf: Goldgeist Forte, Infectopedicul, Jacutin, Jacutin N und Mosquito Läuseshampoo4. Mit Letzterem ist erstmalig ein Kopflausmittel ohne chemisch-synthetisches Pestizid aufgenommen worden. Die Medizinprodukte basieren bei uns auf Kokosöl, Neemöl oder Dimeticon (als Entblähungsmittel bekannter Wirkstoff). Als Wirkmechanismus wird überwiegend angegeben, dass sie die Atemöffnungen der Parasiten verstopfen, sodass die Tiere ersticken oder austrocknen. Hier ist zu berücksichtigen, dass Parasiten im Gegensatz zu Säugetieren keine kontinuierliche Atmung und Kreislauffunktion benötigen. Tot erscheinende Läuse kön­nen sich wieder erholen. Daher empfiehlt die WHO bei der Prüfung von Kopflausmitteln eine Nachbeobachtung von 24 Stunden. Ob der Effekt tatsächlich über ein Ersticken der Läuse zustande kommt, bleibt offen: Kokosnussöl soll die Fettsäuren Hexansäure (Capronsäure) und Octansäure (Caprylsäure) enthalten, denen eine Insekten abtötende Wirkung bereits in starker Verdünnung zugeschrieben wird. Aus der Sicht des öffentlichen Gesundheitsdienstes liegen noch nicht genügend belastbare Daten über die Effektivität vieler der angebotenen pestizidfreien Mittel vor, um sie zu empfehlen2. PAN Germany sieht hier einen dringenden Handlungsbedarf, die Forschungs- bzw. Wissenslücke zu schließen.


1E.H. Humphreys et al.(2007): Outcomes of the California Ban on Pharmaceutical Lindane: Clinical and Ecologic Impacts. In: Environmental Health Perspectives. Online: http://dx.doi.org/

2http://www.pediculosis-gesellschaft.de/WissenswertesueberKopflausbefall.pdf

3Quelle : Dr. Birgit Habedank, Dr. Jutta Klasen (2006): " Kopflausbefall: Ein immer größeres Problem in Deutschland? - Welche Mittel wirken?" Beitrag in der Dokumentation der Fortbildung für den Öffentlichen Gesundheitsdienst 2006 in Berlin, 22. bis 24.3.06

4 Aus dem Informationsdienst für Ärzte und Apotheker 9/2006 (Hg. Wolfgang Becker-Brüser) unter http://www.arzneitelegramm. de/html/2006_09/0609079_01.html

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