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Leben mit Gift - Auswirkungen von Endosulfan in Westafrika

01.12.2006, PAN Germany, Alexandra Perschau

Ein neuer Bericht von PAN UK beschreibt die Folgen des Einsatzes von Endosulfan in fünf westafrikanischen Ländern.¹ Anlass für die Untersuchungen in Benin, Mali, Burkina Faso, Kamerun und im Senegal waren die sich häufenden Berichte über Vergiftungen durch Endosulfan seit der Wiedereinführung der insektentötenden Organochlorverbindung Ende der 1990er Jahre. Der Wirkstoff Endosulfan wird von der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA als extrem akut toxisch eingestuft, während die Weltgesundheitsorganisation (WHO) das Gift als moderat gefährlich klassifiziert (Klasse 2). Im Rahmen der Rotterdam-Konvention wird derzeit überprüft, ob Endosulfan unter das PIC-Verfahren fallen wird. Die Europäische Union hat in diesem Jahr entschieden, Endosulfan nicht zuzulassen (d.h. den Stoff nicht in den Anhang 1 der Richtlinie 91/414 aufzunehmen). Bereits seit längerer Zeit bestehen Verbote bzw. Nichtzulassungen für den Wirkstoff in Dänemark, Deutschland, Schweden, Belize, Singapur, Kolumbien und Indonesien.

Endosulfan wurde mit der Baumwollanbausaison 1998/99 in Benin und Mali und 1999/2000 im Senegal, in Kamerun und Burkina Faso wieder eingeführt. 1998 sprach ein Forschungsprojekt, das die Resistenzentwicklung beim Baumwollkapselwurm untersuchte, aufgrund von Resistenzen gegen Pyrethroidwirkstoffe die Empfehlung aus, Endosulfan zu Beginn der Baumwollsaison zweimal innerhalb von 40 Tagen auszubringen. Seither wird offiziell nach diesem Empfehlungsschema gespritzt.

In Benin tauchten in der Anbausaison 1999/2000 Informationen über Todesfälle unter den Baumwollbauern auf. Daraufhin startete die Nichtregierungsorganisation OBEPAB (Organisation Béninoise pour l'Agriculture Biologique) eine Untersuchung und identifizierte mindestens 37 Todesfälle, die dem Pestizidwirkstoff Endosulfan zugeordnet werden konnten. Um herauszufinden, ob die Probleme mit Endosulfan gegebenenfalls nicht nur in Benin auftraten, entwickelten PAN Afrika und die OBEPAB ein Programm, das die Situation in fünf Baumwolle anbauenden Ländern Westafrikas untersuchte. In Benin dokumentierte die OBEPAB durch öffentliche Stellen registrierte Vergiftungen und befragte zudem gut unterrichtete Quellen wie zum Beispiel landwirtschaftliche Berater. In den Jahren 2000 bis 2004 wurden in 12 Distrikten Benins 577 Fälle von Pestizidvergiftungen ermittelt, von denen 97 tödlich verliefen. Mehr als zwei Drittel dieser Vergiftungen waren dem Wirkstoff Endosulfan zuzuordnen.

Auffällig ist, dass die Zahl der Vergiftungen rückläufig war und der Anteil der betroffenen Männer und Frauen sich über die Zeit veränderte. In der Saison 2000/2001 waren hauptsächlich Männer betroffen (75%), die sich während der Spritzarbeiten vergifteten. In der Anbausaison 2002/2003 waren von den insgesamt 106 Vergiftungsfällen 51% Männer und 49% Frauen. Zu diesem Zeitpunkt waren kontaminierte Lebensmittel die Hauptursache der Vergiftungen. Die Verbesserung der Situation auf den Feldern ist ein Erfolg der OBEPAB, die mittels lokaler Radiostationen erfolgreiche Aufklärungsarbeit leistete.

Im Senegal wurden in den Jahren 2003 und 2004 Befragungen durchgeführt. In 27 Dörfern wurden 162 Vergiftungsfälle identifiziert, von denen hauptsächlich Männer betroffen waren, die sich während der Spritzarbeiten auf den Feldern vergifteten. 40% der Fälle waren durch den Wirkstoff Endosulfan verursacht.

In Burkina Faso wurden in 10 Dörfern insgesamt 100 Bauern befragt, die berichteten, dass die Pestizide ausbringenden Personen während, direkt nach und innerhalb weniger Tage nach der Ausbringung eine breite Palette an Vergiftungssymptomen bemerkten, etwa massive Kopfschmerzen, Schwindelgefühl, Zittern der Hände, Brechreiz oder Übergeben. Bei der Befragung war es nicht möglich, zu identifizieren, welche Produkte für welche Symptome verantwortlich waren, doch alle befragten Bauern haben neben zwei anderen Formulierungen auch Endosulfan verwendet.

In Kamerun gestaltete sich die Erhebung von Daten als sehr schwierig. Der Amtsarzt der Baumwolle anbauenden Nordregion weist allerdings darauf hin, dass schlechtes Handling weit verbreitet ist und daraus zahlreiche Vergiftungsfälle resultieren.

In Mali besuchte PAN Afrika im Jahr 2001 in einer Baumwolle anbauenden Region 21 Dörfer und befragte über 220 Bauern. Dabei wurden 75 Vergiftungen identifiziert, davon zwei mit tödlichem Ausgang. Mehr als die Hälfte der Vergiftungen wurden durch den Wirkstoff Endosulfan bzw. die Produkte Callisulfan und Mistral verursacht.

Auch wenn die Anzahl der befragten Personen nicht repräsentativ ist, zeigen die Untersuchungen in den fünf Ländern, dass die mangelhaften Pestizidanwendungsbedingungen und daraus resultierende Vergiftungen weit verbreitet sind unter der Bauernschaft Westafrikas und dass Endosulfan eines der Pestizide mit massivem Anteil an diesen Vergiftungen ist.

Für Endosulfan wie für alle anderen gefährlichen Pestizide gelten noch immer die schon vor langer Zeit von PAN gemachten Aussagen, dass unter Armutsbedingungen keine sichere Anwendung realisierbar ist. Aus solcherlei Grund fordern die Autoren des Berichts das Verbot von Endosulfan. Sie begründen damit erneut die Forderung des Endosulfanverbotes, wie es seit vielen Jahren von einem breiten Bündnis von NGOs vorgetragen wird. Des Weiteren werden die Regierungen aufgefordert, Anstrengungen zu unternehmen, um in Regionen mit massivem Pestizideinsatz Vergiftungen zu überwachen, zu untersuchen, Ergebnisse zu veröffentlichen und Schlussfolgerungen zur Verbesserung der Situation zu implantieren. Zudem soll die Rolle des Frühwarnsystems der Rotterdam-Konvention und der Prozess zur Notifizierung "extrem gefährlicher Pestizidformulierungen" unter den gegebenen Bedingungen in Entwicklungsländern bei den relevanten Stakeholdern bekannt gemacht werden.

Bei der staatlichen Risikobewertung zur Zulassung von Pestiziden oder deren Überprüfung sollen Informationen über Pestizidvergiftungen und die vorherrschenden Anwendungsbedingungen unbedingt berücksichtigt werden.

(Alexandra Perschau)

(aus: PAN Germany Pestizid-Brief November/Dezember 2006)

¹Glin LC et al (2006): Living with Poison - Problems of endosulfan in West African cotton growing systems, PDF download at www.pan-uk.org


"Pestizide bedrohen die Entwicklung unserer Gesellschaft. Wir sehen, dass sie uns nur Probleme machen - Vergiftungen, Selbstmorde, gestiegene Produktionskosten und Verschuldung - ohne die Ernten zu erhöhen."

Senegalesischer Baumwollbauer

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