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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Blumen, Pestizide und Unfruchtbarkeit

01.12.2006, PAN Germany, Susan Haffmans

Zwei neue Studien, eine niederländische Studie und eine internationale Studie aus den USA, befassen sich mit den Auswirkungen von Pestizidanwendungen in der Blumenproduktion auf die Fruchtbarkeit von Arbeiterinnen, Arbeitern und die Gesundheit ihrer Kinder.

Die internationale Studie von Grandjean et al (2006)1, die unter Beteiligung von Wissenschaftlern aus Dänemark, Ecuador und den USA erstellt wurde, untersuchte ecuadorianische Schulkinder in einer Gegend mit intensivem Blumenanbau und einer hohen Beschäftigungsrate von Frauen in der Blumenproduktion, sowie in der viele Kinder körperlich auffällig sind. Bei 72 Kindern der ersten und zweiten Klasse unter 9 Jahren wurden Blutdruck, neurologische Funktion und neurologisches Verhalten untersucht und die Kinder umfangreichen Tests unterzogen, etwa Reaktionstests und Intelligenztests. Ergänzt wurden diese Untersuchungen durch Befragungen der Mütter über den Verlauf der Schwangerschaft und die Pestizidexposition während dieser Zeit. Vergangene und derzeitige Pestizidexpositionen wurden mit Hilfe medizinischer Tests untersucht. 31 Kinder wurden, bezogen auf ihre Körpergröße, als körperlich nicht der Norm entsprechend eingestuft. Die Befragungen der Mütter ergaben, dass von den 72 Kindern 37 bereits im Mutterleib erheblichen Pestizidbelastungen ausgesetzt waren ("exponierte Kinder"). Bei diesen Kindern wurde ein erhöhter systolischer Blutdruck festgestellt. Bezogen auf die neurologischen Untersuchungen wichen 14 der "exponierten Kinder" und 9 Kinder der Kontrollgruppe von der Norm ab. Auch bei anderen neurologischen Tests schnitten die "exponierten Kinder" schlechter ab als ihre Altersgenossen. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass pränatale Pestizidexposition zu dauerhaften neurologischen Schädigungen führen kann und dass durch Unter- und Fehlernährung bedingte Entwicklungsprobleme in Entwicklungsländern noch durch Pestizidexposition verstärkt werden können.

Auch die niederländische Untersuchung2 widmet sich dem Thema Pestizide und Gesundheit in der Blumenproduktion mit dem Schwerpunkt Fruchtbarkeit von Gewächshaus-Arbeiterinnen in der Blumenproduktion. Hintergrund für die Studie sind die in den industrialisierten Ländern zunehmenden Furchtbarkeitsstörungen bei Frauen. Da ArbeiterInnen in Gewächshäusern in besonderem Maße Pestiziden ausgesetzt sind und hier auch Pestizide zum Einsatz kommen, die als endokrin wirksam eingestuft sind, wurde diese Personengruppe herangezogen, um mögliche Auswirkungen von Pestiziden auf die Fruchtbarkeit zu untersuchen. Bereits 2004 wurde von einer Gruppe niederländischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um R. Bretveld3 die Fruchtbarkeit von Gewächshausarbeiterinnen mit dem "time to pregnancy" (TTP) Faktor bewertet. Der TTP gibt an, wie viel Zeit vergeht, bis die Frau, die schwanger werden möchte, auch tatsächlich schwanger wird. 484 Arbeiterinnen wurden einer Kontrollgruppe von 679 nicht exponierten Frauen gegenüber gestellt. Die Ergebnisse der 6-monatigen Studie belegen, dass Vollzeitarbeiterinnen, die Pestiziden ausgesetzt waren, länger brauchten, um zum ersten Mal schwanger zu werden, als die Frauen der Vergleichsgruppe.

Im Rahmen ihrer Dissertation untersuchte Bretveld (2006)4 5000 Männer und Frauen, die in der Blumenproduktion in Gewächshäusern tätig sind. Hierbei ging es auch um die Frage, ob ein berufsmäßiges Risiko für diese Berufsgruppe besteht, an Beeinträchtigungen der Fruchtbarkeit zu leiden. Als Referenzgruppe dienten 8000 "nicht exponierte" Frauen und Männer. Auch hier zeigte sich eine längere TTP bei den Gewächshausbeschäftigten. Besonders auffällig waren die Auswirkungen bei den männlichen Beschäftigten: Hier war die Chance für ihre Partnerinnen, schwanger zu werden, um 30% geringer als bei der Vergleichsgruppe. Dies bestätigen andere Studien aus früheren Jahren.5 Bei den untersuchten exponierten Frauen lag die Wahrscheinlichkeit, schwanger zu werden, um 10% niedriger als bei den Frauen der Vergleichsgruppe. Und ihr Risiko, eine Fehlgeburt zu erleiden, wurde als doppelt so hoch eingestuft. Dies wurde auch schon von Petrelli et al. (2003)6 beschrieben, die in ihren Untersuchungen zu dem Ergebnis kommen, dass eine signifikant höhere Wahrscheinlichkeit für spontanen Abort bei Frauen von Gewächshausarbeitern auftrat, die spezifischen Pestiziden (darunter Atrazin, Benomyl, Carbendazim und DDT) ausgesetzt waren.

Untersuchungen von Bretveld et al. (2006)2 konnten auch belegen, dass die Spermaqualität (Morphologie und Beweglichkeit) von Männern, die in Gewächshäusern arbeiten und häufig Pestiziden ausgesetzt sind, niedriger ist als bei der nicht exponierten Vergleichsgruppe und dass die Arbeiterinnen einen verlängerten Zyklus aufweisen. Diese Ergebnisse sind weitere Belege dafür, dass Pestizide erhebliche, nicht kalkulierbare negative Einflüsse auf die Gesundheit der Anwenderinnen und darüber hinaus, d.h. in diesem Fall auf ihre Nachkommen, haben. Erkennbar ist auch, dass einige Risiken des Pestizideinsatzes nur sehr zeitverzögert sichtbar werden.

(Susan Haffmans)

(aus: PAN Germany Pestizid-Brief November / Dezember 2006)

1 Philippe Grandjean et al. (2006): Pesticide Exposure and Stunting as Independent Predictors of Neurobehavioral Deficits in Ecuadorian School Children. In: PEDIATRICS Vol. 117 No. 3 March 2006, pp. e546-e556 (doi:10.1542/peds.2005-1781)

2 R. Bretveld et al. (2006): Time to pregnancy among female greenhouse workers. In: Scand J Work Environ Health 2006; 32(5). S. 359-367

3 N. Roeleveld, R. Bretveld, G. Zielhuis (2004): Time to pregnancy among female greenhouse workers. In: Occupational and Environmental Medicine 2004; Oral Session 14: Womens's reproductive health. 61: e38.

4 Reini Bretveld (2006): Vruchtbaarheid bij glastuinbouwers. Aus: Epistel Jahrgang 19, 2006. Juli/August Nummer 4 unter http:// www.epidemiologie.nl/uploads/media/epistel2006_4.pdf

5 G. Petrelli und Figa-Talamanca I. (2001): Reduction in fertility in male greenhouse workers exposed to pesticides. In: European journal of epidemiology 2001, vol. 1, No. 7, pp. 675-677 (9 ref.) unter: http://cat.inist.fr/?aModele=afficheN&cpsidt=13687843

6 G. Petrelli et al. (2003): Spontaneous Abortion in Spouses of Greenhouse Workers Exposed to Pesticides. In: Environmental Health and Preventive Medicine Vol. 8 (2003), No. 3 p.77 unter: http://www.jstage.jst.go.jp/article/ ehpm/8/3/8_77/_article/-char/en


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