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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Das Pestizid-Reduktionsprogramm in Frankreich

01.09.2006, PAN Germany, Susan Haffmans

Am 28.Juni 2006 trat in Frankreich der "Interministerielle Plan zur Reduzierung der Pestizidbedingten Risiken 2006 - 2009" in Kraft - eine signifikante Reduzierung der Pestizidanwendung liegt jedoch in weiter Ferne. Das verabschiedete Reduktionsprogramm ist das Ergebnis einer Zusammenarbeit des Ministeriums für Wirtschaft, Finanzen und Industrie, des Gesundheitsministeriums, des Fischereiministeriums sowie des Ministeriums für Ökologie und Dauerhafte Entwicklung. Es ordnet sich in den Rahmen des nationalen Plans für Umweltgesundheit von 2004 sowie in den Abschnitt "Landwirtschaft" der französischen Strategie für die Artenvielfalt vom November 2005 ein.

Ziel des französischen Reduktionsprogramms ist es, die von den eingesetzten Pestiziden ausgehenden negativen Effekte auf die Gesundheit - insbesondere auf die AnwenderInnen, auf die Umwelt und auf die Biodiversität zu reduzieren. Als quantitatives Ziel ist eine Reduzierung der Anwendung der 47 gefährlichsten Wirkstoffe um 50 Prozent vorgesehen. Dies sind Pestizide, die als giftig, sehr giftig oder als mutagen, krebserregend oder reproduktionstoxisch in die EU-Kategorien 1 und 2 klassifiziert werden.

Die Notwendigkeit einer Pestizidreduktionsstrategie wird gerade im Falle Frankreichs offensichtlich. Im Jahr 2004 belegte Frankreich weltweit Platz 3 und in der Europäischen Gemeinschaft den Spitzenrang beim Verkauf von Pestizidwirkstoffen. Dieser liegt bei rund 75.100 Tonnen, davon gehen rund 90 Prozent in den landwirtschaftlichen Gebrauch. Es werden ca. 3000 verschiedene Produkte angeboten. Da verwundert es nicht, dass Frankreich ebenfalls einen Spitzenrank bei der Pestizidbelastung von Gewässern einnimmt. Untersuchungen konnten Pestizidbelastungen in 80 Prozent der Oberflächengewässer und bei 57 Prozent der Grundwasseruntersuchungen nachweisen. Rückstände sind in Böden, der Luft und Lebensmitteln vorhanden.

Hinsichtlich dieser Belastungssituationen, den davon ausgehenden Risiken für Mensch und Umwelt, aber auch im Angesicht der zukünftigen gesetzlichen Anforderungen von Seiten der Thematischen Strategie der EU, entschloss sich die französische Regierung, einen nationalen Aktionsplan, zunächst bis zum Jahr 2009 festzulegen.

Die Strategie zur Umsetzung der gesetzten Ziele basiert auf fünf sogenannten Achsen:

Handeln auf Produktebene: Verbesserung der Bedingungen bei Markteinführung und Anwendung

Die Zulassungsverfahren für Pestizidprodukte und die Kenntnisse der Anwendung sollen, auch bezogen auf die Risiken, verbessert werden. Unter anderem ist es das Ziel, eine Rückverfolgbarkeit der Pestizidverkäufe zu gewährleisten. Im Rahmen der neuen EU-Verordnung für das Inverkehrbringen von Pflanzenschutzmitteln verteidigt Frankreich die Einführung des Substitutionsprinzips, um zukünftig den Einsatz gefährlicher Wirkstoffe zu minimieren. Zudem ist vorgesehen, solche gefährlichen Produkte mit einer Lizenzgebühr zu besteuern. An Hobby-Gärtner dürfen nur noch speziell gekennzeichnete Produkte verkauft werden. Die Kontrollen im Handel und bei der Pestizidanwendung werden verstärkt.

Handeln auf Anwendungsebene: Minimierung des Pestizid-Einsatzes

Die sogenannte "Agriculture Raisonnée", die integrierte Landwirtschaft, soll sowohl technisch als auch durch finanzielle Anreize gefördert werden. Ziel ist es, 30 Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe bis zum Jahr 2008 auf diese Bewirtschaftungsweise umzustellen. Eine Abstandsregelung schreibt die Einhaltung eines mindestens 5 m breiten Schutzstreifens an Gewässerläufen vor, um einen Eintrag von Pestiziden in Gewässer zu reduzieren. Flankiert werden die Maßnamen durch verschärfte regelmäßige Kontrollen der Spritzgeräte. Lokale Umweltgruppen sollen in die Umsetzung mit eingebunden werden. Auch außerhalb der Landwirtschaft soll das Engagement in der Öffentlichkeit und in Institutionen, wie z.B. Stadtverwaltungen oder Bahn gestärkt werden, auf nicht-chemische Alternativen zurückzugreifen, vorbeugende Maßnahmen zu verstärken und Pestizide nur sachgerecht und auf hohem technischen Niveau einzusetzen.

Weiterentwicklung der Ausbildung und des Anwenderschutzes

Die Ausbildung der Fachleute, sowohl der Händler als auch der professionellen Anwender von Pestiziden, soll um die Aspekte gesundheitlicher und ökologischer Risiken erweitert werden. Pestizidhändler werden ermutigt, Produkte in Kombination mit der jeweils passenden Schutzausrüstung zu verkaufen. Das Programm sieht außerdem spezielle Schulungen für Ärzte im ländlichen Raum vor, um sie auf Krankheitssymptome, die mit Pestizidexpositionen in Zusammenhang stehen, zu sensibilisieren.

Verbesserung des Kenntnisstands zu Pestizidbelastungen und Schaffung öffentlicher Transparenz

Die Website www.observatoire-pesticides.gouv.fr sammelt und bewertet Informationen über Pestizidrückstände in der Umwelt. Dies ermöglicht der interessierten Öffentlichkeit, sich über Pestizid-Themen und Belastungssituationen in ihrer Region zu informieren. Die Monitoringbefunde werden zudem für epidemiologische Studien genutzt, die Beziehung zwischen Pestizidexpositionen und Gesundheitszustand der Bevölkerung analysieren sollen.

Evaluierung der Fortschritte des Reduktionsprogramms

Ein eingerichteter Kontrollausschuss wird zukünftig Wirksamkeit der einzelnen Maßnahmen und Fortschritte des Programms überprüfen. Der Ausschuss soll transparent arbeiten und ist für Interessengruppen offen. Als Indikatoren sollen ein Risikoindikator für Umweltbelastungen und ein flächenbezogener Anwendungsindikator festgelegt werden. Drittens sollen die Veränderungen des Gewässerzustands mithilfe geographischer Abbildungen kontinuierlich verfolgt werden.

Lücken und Mängel des Programms

Grundsätzlich ist aus Sicht von PAN die Entscheidung für die Entwicklung eines Reduktionsprogramms in Frankreich zu begrüßen, zumal quantitative Zielsetzungen festgelegt werden, die nach dem derzeitigen EU-Kommissionsentwurf nicht gefordert werden (siehe "Aktuelle Stellungnahmen von PAN Germany zur Europäischen Pestizidpolitik" in dieser PB-Ausgabe). Es gibt jedoch kein Ziel einer generellen Mengenreduzierung. So bleibt zu befürchten, dass Frankreich weiterhin den Spitzenrang beim Pestizideinsatz in Europa beibehält. Die Halbierung des Einsatzes gefährlicher Pestizide klingt gut, ist jedoch nicht innovativ. Die meisten dieser Stoffe werden ohnehin bei ihrer Neubewertung im EU-Zulassungsverfahren verboten oder substituiert werden. Eine Förderung des Bioanbaus hin zu einem bestimmten prozentualen Anteil ist nicht vorgesehen. In Frankreich werden gerade zwei Prozent der landwirtschaftlichen Fläche biologisch bewirtschaftet. Das "Agriculture Raisonnée" soll demgegenüber massiv unterstützt werden. Dies bedeutet jedoch nicht die Förderung integrierter Schädlings-Managementverfahren. Viel-mehr sind die vorgegebenen Standards von FARRE, der französischen Branche der EISA, der European Initiative for Sustainable Development in Agriculture, festgelegt. EISA ist primär ein Zusammenschluss der industriellen Landwirtschaft und von Agrarkonzernen. Der EISACode gibt nur allgemeine Standards vor und ist vergleichbar mit den Empfehlungen der deutschen "Guten Fachlichen Praxis im Pflanzenschutz." Es gibt daher kein formuliertes konkretes Ziel, den Pestizideinsatz zu reduzieren.

(Susan Haffmans)

(aus: PAN Germany Pestizid-Brief September / Oktober 2006)

Weitere französischsprachige Informationen zu diesem Thema lassen sich auf den folgenden Websites abrufen:
http://www.fne.asso.fr/PA/agriculture/actu/plan_interministeriel_risques2006_09.pdf;
http://www.agriculture.gouv.fr/spip/leministere.leministrelecabinet.communiquesdepresse_a6160.html

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