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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Indien entschädigt Endosulfan-Opfer

01.07.2006, PAN Germany, Susan Haffmans

Am 25.6.2006 wurde es amtlich: Indiens Gesundheitsministerin P.K. Sreemathy bestätigte, dass die indische Regierung 5 Millionen Rupien¹ für die medizinische Versorgung von Endosulfan-Opfern im Distrikt Kasaragod bereitstellt. Nach jahrelangem Kampf der Opfer um Anerkennung liegt der größte Erfolg wohl in dem Eingeständnis der Regierung, für die Vergiftungen verantwortlich zu sein.

Hintergrund

Auf den Cashew-Plantagen der staatlichen Plantation Corporation Kerala (PCK) wurde seit Mitte der 70er Jahre zur Schädlingsbekämpfung in den Plantagen das Insektizid Endosulfan per Hubschrauber auf mehr als 4.715 Hektar ausgebracht. Die LandarbeiterInnen und ihre Familien waren den Ausbringungen schutzlos ausgesetzt. Schon 1978 klagten die Menschen in der betroffenen Region Kayyur-Cheemeni Panchayat die verantwortliche PCK an, sich bei der Versprühung der Pestizide nicht an Sicherheitsregeln zu halten. 1991 wurde ein weiterer Versuch unternommen, die PCK dazu zu zwingen, Ausbringungsregeln (rules of spraying) einzuhalten und die Menschen vor Ort über Vorsorgemaßnahmen aufzuklären. Ohne Erfolg: Mehr als ein Jahrzehnt später setzt sich die PCK bei der Ausbringung von Endosulfan nach Angaben von K. Balakrishnan, Präsident des Distriktes von Kerala Sastra Sahitya Parishad (KSSP), über alle Vorsorgenormen hinweg. 411 der 757 Familien, die im Umkreis von 200 m um die Plantage leben, gaben bei Befragungen durch das KSSP-Team an, dass sie noch nicht einmal über bevorstehende Sprühflüge informiert würden. 73% der Befragten gaben an, das Versprühen der Pestizide beginne morgens bis üblicherweise mittags - also entgegen der Norm, dass Luftausbringung in den Abendstunden zu erfolgen habe. Die Menschen gaben an, dass die Artenvielfalt in den Jahren der Ausbringung zurückging. Regelmäßig wurden tote Schlangen, Frösche, Vögel und Schmetterlinge in den in Nachbarschaft zur Plantage befindlichen Gebieten gefunden. Auch die Gewässer, aus denen sich die Menschen vor Ort mit Trink- und Brauchwasser versorgen, wurden bei der Ausbringung nicht ausgespart.²

Schädigungen durch Endosulfan-Exposition

Obgleich es schon früh zu gesundheitlichen Schädigungen kam, verging eine geraume Zeit, bis das Ausmaß der Schädigung deutlich wurde. Ende des Jahres 1999 erhoben Mitglieder des in Thiruvananthapurm basierten Thanal Conservation Action and Information Network Daten über den Gesundheitszustand der Bewohner des Pariya Dorfs. Mit alarmierenden Ergebnissen: Alle Befragten gaben an, sich so schwach zu fühlen, dass sie in der Regel nur noch zwei Stunden am Tag körperlich arbeiten konnten. Besonders betroffen waren Frauen und Kinder. Frauen berichteten über gynäkologische Probleme, krampfartige Schmerzen, vermehrte Blutungen oder das Ausbleiben der Regel über Monate und von Gebärmutterentfernung. Viele Mädchen nahmen Hormone, um die Zyklusschwankungen auszugleichen. Frauen um die 30 erschienen um 20 Jahre älter. Bei den Männern zeigte sich ein umgekehrtes Bild: Männer schienen eher um 10-15 Jahren zurück in ihrer Entwicklung, auch Unfruchtbarkeit und Brustwachstum bei Männern war ein weit verbreitetes Problem. Einige Männer hatten ihre Stimme verloren, andere erkrankten an Kehlkopfkrebs. Die Untersuchung von 1999 listet weitere häufige Symptome auf: wiederkehrende Schwellungen des Körpers, Bauchschmerzen, Hautirritationen, Schuppenflechte, Hautekzeme, Halsschmerzen und verschwommene Sicht.

Diese Fakten decken sich mit Berichten aus Krankenstationen in der unmittelbaren Umgebung der Plantagen. Ein Untersuchungsteam fand in Bellur eine Häufung von Fällen von Erblindungen bei Kindern, Todesfälle durch Krebs, körperlich und mentale Entwicklungsverzögerungen und eine Reihe von Hautkrankheiten.

Obwohl die gesundheitlichen Schädigungen bekannt wurden, ging die Ausbringung von Endosulfan zunächst weiter. Eine Studie der Kerala Agricultural University (KAU) versuchte 2001, die erhobenen Daten zu widerlegen. Eine Studie des Centre of Science and Environment bestätigte hingegen eine erhöhte Belastung von Mensch und Natur und berichtete über mehrfache Überschreitungen maximal erlaubter Rückstandsmengen. 2001 stellte die staatliche PCK nach Medienberichten über die Krankheitsfälle die Ausbringung von Endosulfan ein.²

Was bleibt den Menschen?

Die Gesundheitsministerin hat den Opfern die Übernahme aller medizinischer Kosten versprochen. Die Regierung wird für die Gesundheitskosten auch aufkommen, wenn Behandlungen außerhalb des Landes notwendig werden. Krankenhäuser in den betroffenen Regionen sollen, so die Gesundheitsministerin, in Modell-Krankenhäuser umgewandelt werden - ausgestattet mit dem notwendigen Personal sowie den notwendigen Behandlungsmöglichkeiten, und sie sollen den höchsten hygienischen Standards entsprechen. Für manche Opfer kommt die Hilfe zu spät. Es bleibt die Hoffnung, dass zumindest einige der geschädigten Kinder, Frauen und Männer Linderung und Heilung erfahren.³

(Susan Haffmans)

(aus: PAN Germany Pestizid-Brief Juli/August 2006)


15 Mio Rupees sind 83.686,80 EUR
2http://www.worldproutassembly.org/archives/2006/05/endosulfan_the.html
3http://www.humanrightskerala.com/ index.php?option=com_content&task=view&id=3409&itemid=5
4PAN Gemany factsheet http://www.pan-germany.org/download/fs_bw_endosulfan.pdf

Endosulfan

Seit 1956 ist Endosulfan als Wirkstoff in vielen Pflanzenschutzmitteln enthalten. Seine Breitbandwirkung gegen zahlreiche Insekten und Milben als Kontakt- und Fraßgift macht es zu einem universell einsetzbaren Insektizid und Akarizid. Da sein Patentschutz abgelaufen ist, ist es vergleichsweise billig. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Endosulfan aufgrund seiner Giftigkeit der Gefahrenklasse II zugeordnet. PAN Asien und PAN Afrika führen seit Jahren Kampagnen für ein globales Endosulfanverbot durch, PAN Germany engagiert sich in einer internationalen PAN-Arbeitsgruppe gegen Endosulfan.

Endosulfan wird im Baumwollanbau, auf Tee- und Kaffeeplantagen oder im Gemüseanbau und in der Forstwirtschaft eingesetzt und u.a. von Aventis, deren Agrarabteilung inzwischen an die Bayer AG übergegangen ist, vertrieben. Es gehört zur Gruppe der chlorierten zyklischen Kohlenwasserstoffe (CKW). Diese Gruppe zeichnet sich vor allem durch ihre gute Fettlöslichkeit aus. Dadurch kann es auf unterschiedlichen Wegen, z. B. über die Haut oder die Lunge, in den Körper gelangen. Wegen seiner schlechten Abbaubarkeit wird Endosulfan auch den sog. POPs (Persistent Organic Pollutants) zugeordnet. Aus verschiedenen Untersuchungen geht hervor, dass Endosulfan extrem toxisch und direkt auf das zentrale Nervensystem wirkt. In Tierexperimenten wurden durch Endosulfanvergiftungen Störungen der Bewegungskoordination und epilepsieartige Krämpfe hervorgerufen. Bei leichteren Vergiftungen traten Erbrechen und Durchfall auf. Auch Leber- und Nierenschäden wurden festgestellt sowie Erblindung von Tieren und Schädigungen der Haut und Schleimhäute. Auftretende Symptome wie Kopfschmerzen, Benommenheit und Desorientierung weisen auf eine Beeinflussung des zentralen Nervensystems hin. Die chronischen Auswirkungen auf Menschen, die lange Zeit geringen Endosulfandosen ausgesetzt waren, umfassen einen Einfluss auf die Fortpflanzungsorgane, Fehlfunktionen der männlichen Geschlechtsorgane, sowie ein stärkeres Wachstum von Brust- und Prostatakrebszellen wurden festgestellt. Bei einer proteinarmen Ernährung können sich die Auswirkungen von Endosulfan verstärken. Dies spielt vor allem in armen Ländern eine Rolle, wo die Menschen mit den Problemen von Fehl- und Unterernährung zu kämpfen haben.4

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