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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Pestizidrückstände in Lebensmitteln nehmen zu

01.07.2004, Susanne Smolka

Die Pestizidrückstände in pflanzlichen Lebensmitteln nehmen stetig zu, bei bestimmten Pestizid/Produkt-Kombinationen kann ein gesundheitliches Risiko nicht ausgeschlossen werden, und in Deutschland wird eine überdurchschnittlich hohe Belastung mit Pestiziden festgestellt. Dies kann als Resümee aus dem aktuellen Bericht der Europäischen Kommission zur Überwachung von Pestizidrückständen in Erzeugnissen pflanzlichen Ursprungs für das Jahr 2002 gezogen werden.

Im Rahmen der nationalen Kontrollprogramme der EU-Mitglieds- und der EFTA-Staaten sank bei frischem Gemüse, Obst und Getreide die Probenanzahl ohne feststellbare Rückstände von 64% im Jahr 1999 auf 56% im Jahr 2002. Die Zahl der Proben, die Rückstände unterhalb oder in Höhe des nationalen oder des EU-Grenzwertes (Maximum Residue Limit, MRL) aufwiesen, stiegen demgegenüber von 32% auf 38%. Die MRL-Überschreitungen nehmen seit 1996 stetig zu, von 3.0 auf 5.5%. Im Vergleich liegt Deutschland mit den 2002 festgestellten MRL-Überschreitungen von 8,7% an dritter Stelle, nach den Niederlanden (16.4%) und Frankreich (8,9%).

Wie auch in den vergangenen Jahren werden in den deutschen Kontroll- und Monitoring-Programmen höhere Belastungen in Importprodukten festgestellt. In rund 12% der untersuchten ausländischen Waren wurden MRLs überschritten, in weiteren 51% der Proben sind Pestizide in Mengen unter oder in Höhe der MRLs nachgewiesen worden. Die Ergebnisse bei inländischen Produkten liegen bei 5,1% bzw. 38,9% und somit im europäischen Mittelfeld.

Besonders bedenklich ist die Entwicklung bei den Mehrfachrückständen. Seit 1999 steigen die Mehrfachbelastungen mit Pestiziden rapide an und liegen mit 20,7% fast wieder auf dem höchsten gemessenen Niveau von rund 22% des Jahres 1996. Deutschland und die Niederlande nehmen hier den Spitzenrang mit jeweils 31,1% nachgewiesenen Mehrfachrückständen ein. Der Anteil von Proben mit acht oder mehr Pestiziden liegt bei rund 1,9% in Deutschland. Es scheint im Trend, Rückstands-Höchstmengenüberschreitungen eines einzelnen Wirkstoffes durch den Einsatz von mehreren Pestiziden in geringerer Einsatzmenge vermeiden zu wollen. Das Risiko noch weitestgehend unbekannter Kombinationseffekte wird dabei in Kauf genommen. Diesem Trend können die derzeitigen Grundsätze zur guten fachlichen Praxis offensichtlich nicht entgegenwirken, und er wird durch das Konzept der Einzelstoffbetrachtung in der Risikoabschätzungen und der Grenzwertsetzung von offizieller Seite her indirekt unterstützt.

Aber auch akute Gesundheitsrisiken nehmen für die VerbraucherInnen zu. Der Bericht stellt mit Blick auf das koordinierte EU-Kontrollprogramm fest, dass quot;die ARfD in einer Reihe von Fällen überschritten wurde und dass ein Gesundheitsrisiko somit nicht ausgeschlossen werden kann, insbesondere bei anfälligen Gruppenquot;. Die Akute Referenzdosis (ARfD) beschreibt die Menge einer Substanz, die über eine kurze Zeit, z.B. bei einer Mahlzeit oder innerhalb eines Tages aufgenommen werden kann, ohne ein gesundheitliches Risiko für den Konsumenten darzustellen. Bislang liegen nur für wenige Pestizide ARfD-Werte vor. Bei den für das Monitoring ausgewählten Produkten Birnen, Bananen, Bohnen, Kartoffeln, Karotten/Speisemähren, Apfelsinen/Mandarinen, Pfirsiche/Nektarinen/Brugnolen und Spinat ließ sich ein Expositionsbereich für Erwachsene von 3% bis zu 411% der akuten ARfD und für Kleinkinder von 10% bis 477% berechnen. Für Kleinkinder wurde die ARfD für Methamidiphos in Bohnen zu 477% und für Methiocarb zu 441% überschritten. Weitere gefährliche Wirkstoff/Produkt-Kombinationen beispielsweise für Kinder sind Methomyl in Spinat (456%), Oxydemetonmethyl in Spinat (404%), Triazophos in Orangen (393%), Methidathion in Orangen (125%), Parathion in Pfirsichen (161%) oder Diazinon in Karotten (103%). Die häufigsten MRL-Überschreitungen wurden bei der Maneb-Gruppe, hauptsächlich in Spinat, nachgewiesen.

Eine Folge der anwachsenden Pestizidbelastung in Lebensmitteln ist die Zunahme von Meldungen im Rapid Alert System, dem Schnellwarnsystem der EU zum Informationsaustausch zu Maßnahmen gegen Gesundheitsrisiken bei Lebens- und Futtermitteln (siehe dazu Pestizid-Brief Mai/Juni 2003). Im Jahr 2002 wurden bezüglich Pestizidrückständen 43 Warnmeldungen (Alerts) und 129 Informationsmeldungen (Non-Alerts) an die Mitgliedstaaten herausgegeben. Demgegenüber waren es im Jahr 2001 "nur" 13 Warn- und 61 Informationsmeldungen. Es wurden ca. doppelt so oft europäische Produkte beanstandet als nicht-europäische Importe. Herausragend sind vor allem die Wirkstoffe Chlormequat und Metamidophos. Methamidiphos verursachte allein 27 Meldungen (davon 9 Warnungen), vor allem bei Paprika unterschiedlicher Herkunft. Hohe Chlormequatrückstände in Karotten, Birnen, Tomaten, Paprika und in Babynahrung sorgten für 60 Meldungen (davon 20 Warnungen).

Die verantwortlichen Stellen lassen in ihrer Berichterstattung nichts unversucht, die Zunahme von Pestizidrückständen in Lebensmitteln zu relativieren. Die Erklärungsversuche tragen letztlich aber nicht zur Beruhigung der Bevölkerung bei. Wird zum Beispiel die Zunahme von Warnmeldungen auch darauf zurückgeführt, dass das Rapid Alert System einfach nur besser von den EU-Mitgliedsstaaten genutzt wird, bleibt die Frage, wie viel hoch kontaminierte Lebensmittel in der Vergangenheit den Weg zum Verbraucher gefunden haben und wie viel immer noch übersehen wird. Gleiches gilt für das althergebrachte Argument, dass umfangreicher und empfindlicher gemessen wird oder dass im Laufe der letzten Jahre die erlaubten Höchstmengen nach unten korrigiert wurden. Selbstverständlich sind diese Faktoren in einer statistischen Analyse mit zu berücksichtigen, können aber nicht verdecken, dass es sich um ein anwachsendes Problem handelt, auch wenn sich dies zum Teil durch ein besseres "hinschauen" bedingt. Letztlich darf dieser Umstand für einen vorsorgenden Verbraucherschutz keine Rolle spielen. Zudem sind die Kontrolldefizite in Deutschland und in anderen Ländern offensichtlich, es wird immer noch nicht ausreichend die Lebensmittelqualität überwacht.

Gefragt ist nun politisches Handeln. Konkret bedeutet dies eine bessere finanzielle und personelle Ausstattung der Kontrollbehörden in den Bundesländern, eine verbesserte Koordination auf Bundesebene und höhere Transparenz. Zudem sind Summengrenzwerte zumindest für die problematischen Wirkstoffgruppen wie Organophosphate oder Carbamate festzulegen.

Zur Vermeidung eines immer komplexer werdenden Pestizidcocktails in Produkten muss die gute fachliche Praxis im Pflanzenschutz konsequent als quot;Pestizid-Vermeidungspraxisquot; im Sinne des Integrierten Pflanzenschutzes modifiziert, Landwirte besser geschult und der ökologische Landbau, als beste Alternative, noch intensiver gefördert werden. Es bleibt zu hoffen, dass schnell diese und weitere Maßnahmen, geschnürt zu einem Gesamtpaket als quot;Pestizid-Reduktionsprogrammquot;, von Ministerin Künast auf den Weg gebracht werden.

(Susanne Smolka)

Quelle des aktuellen Berichtes der EU-Kommission zur Überwachung von Pestizidrückständen in Erzeugnissen pflanzlichen Ursprungs (2002, als PDF): http://europa.eu.int/comm/food/fs/inspections/fnaoi/reports/annual_eu/index_en.html

(Aus: PAN Germany Pestizid-Brief Juli/August 2004)

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