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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Der innere Makel der Erdbeeren - Indikator eines Systemfehlers

01.07.2005, Carina Weber

Erdbeeren zählen zu den am höchsten mit Pestiziden belasteten Obstsorten. In allen untersuchten Proben aus konventionellem Anbau wurden jüngst Pestizide nachgewiesen. Fast immer wurde mehr als ein Pestizid analysiert. Dies ist, so PAN Germany, eine extreme Situation, die mit einem vorsorgenden Verbraucherschutz völlig unvereinbar ist und auch bezüglich des Umweltschutzes kaum Gutes erahnen lässt.

Das Chemische und Veterinäruntersuchungsamt Stuttgart (CVUAS) hat in diesem Jahr Erdbeeren aus konventionellem Anbau besonders gründlich untersucht. Das Ergebnis war bemerkenswert. Nach einem Bericht vom 14. Juli 2005 wurden in den Erdbeerproben aus deutscher Produktion zwar keine Grenzwertüberschreitungen festgestellt, jedoch sind sämtliche aus deutscher Produktion stammenden Erdbeerproben mit Pestiziden belastet. Bis auf eine Ausnahme trifft die Gesamtbelastung auch auf ausländische Erdbeeren zu. Fünf spanische und eine italienische Probe fielen zudem durch Überschreitungen der zulässigen Rückstandshöchstmengen auf. Besonders besorgniserregend ist, dass 96% aller deutschen Proben mit mehr als einem Pestizid belastet sind, bei ausländischen Proben sind es 93%. Im Mittel wurden 4,4 Pestizide in deutschen Proben nachgewiesen, das Maximum lag bei 12 Substanzen in einer einzelnen Probe. Insgesamt wurden 55 verschiedene Pestizide gefunden. Am häufigsten traten Fungizide (gegen Pilzerkrankungen), daneben aber auch Herbizide (Unkrautvernichtungsmittel) und Insektizide auf. In den Proben aus ausländischer Erzeugung wurde 2005 das Fungizid Chlorpyrifos am häufigsten gefunden. Es ist von PAN als "bad actor" eingestuft, weil es endokrine Wirkung erzeugen und damit in den Hormonhaushalt eingreifen kann.

Diese Sachlage ist aus der Sicht von PAN Germany eine extreme Situation, die sofortiges Handeln verlangt. Die regelmäßig vorkommende Mehrfachbelastung einzelner Lebensmittel mit Pestiziden wird bisher weder bei der Zulassung von Pestiziden noch bei der Festsetzung von Pestizidgrenzwerten berücksichtigt. Unhaltbar ist nach Ansicht von PAN Germany auch aus diesem Grunde die Aussage des CVUAS, wonach auch unter Berücksichtigung der Mehrfachrückstände keine der untersuchten Proben toxikologisch bedenklich ist. Schließlich existiert derzeit keine Methodik, um Mehrfachbelastungen toxikologisch beurteilen zu können. Hier klafft eine große Lücke im Verbraucherschutz (und übrigens auch im Umweltschutz).

Angesichts der Lage im Erdbeeranbau haben wir es mit einem deutlich erkennbaren Systemfehler zu tun. Die Ansprüche an die Beschaffenheit und den Preis von Agrargütern sind offensichtlich derart ausgeufert, dass sie nur noch mit der totalen chemischen Keule zu befriedigen sind. PAN Germany warnt jedoch davor, nun einfach nur Bauernschelte zu betreiben. Das Problem ist viel komplexer. Vor allem die "Nachfrage", also der Lebensmittelhandel und vor allem die Verbraucher, sind letztlich jener Motor, der den Chemieeinsatz in der Landwirtschaft antreibt. Äußerlich makellose Billigware ist, das zeigen die Erdbeeren, unter den derzeitigen Rahmenbedingungen nur mit innerem Makel (den Rückständen) zu haben. Letzterer ist im Obstregal der Supermärkte nicht augenscheinlich. Ins Auge springt offensichtlich nur der Preis, wenngleich auch viele Konsumenten immer wieder nachdrücklich Ware ohne inneren Makel fordern.

Die bisher viel zu wenig genutzten Stellschrauben für die Veränderung der Rahmenbedingungen der Agrarproduktion befinden sich nicht nur im Handel und bei den Konsumenten, sondern u.a. auch in Berlin, Brüssel und bei der WTO in Genf. Aktuell muss vor allem Berlin aus der Verantwortung für den gesundheitlichen Verbraucherschutz und den Umweltschutz schnell und hart umsteuern. Wenn im Mittel über die Hälfte der in Deutschland untersuchten Lebensmittelproben pflanzlichen Ursprungs Rückstände von Pestiziden enthalten, jede 10. Probe Grenzwertüberschreitungen aufweist und etwa jedes dritte Lebensmittel pflanzlichen Ursprungs Mehrfachbelastungen aufweist, ist die Bundesregierung gefordert, die "Gefahr im Verzug"-Regelung des Pflanzenschutzgesetzes zuallererst mit Blick auf die Erdbeeren einmal nicht zugunsten des Pestizideinsatzes zu nutzen (siehe Beiträge im letzten und diesem PB), sondern zugunsten des Verbraucher- und Umweltschutzes.

Würde die Beschränkung des Pestizideinsatzes im Erdbeeranbau bedeuten, dass Schluss wäre mit dem roten Vergnügen? Im ebenfalls vom CVUAS herausgegebenen "Ökomonitoring 2004" heißt es: "Von 18 untersuchten Beerenobstproben stammten laut Herkunftsangaben 13 aus deutscher Produktion. Zwei Proben Erdbeeren enthielten Spuren an Azoxystrobin <0,01 mg/kg. Keine Probe enthielt Rückstände über 0,01 mg/kg oder mehrere Wirkstoffe. Dieses Ergebnis bestätigt, wie bereits 2002 und 2003 festgestellt, dass sich die Beerenobsterzeuger an die Vorschriften der Öko-Verordnung halten." Es geht also anders - sogar im Extremfall der Erdbeeren.

(Carina Weber)

(Aus: PAN Germany, Pestizid-Brief Juli/August 2005)

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