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Englische Regierung strebt Spitzenstellung im Kampf gegen Antibiotika-Resistenz an

18.10.2016, PAN Germany Pestizid-Brief 4-2016, Susan Haffmans

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Seit rund vier Jahren befasst sich PAN Germany mit dem Thema Umweltbelastung durch Tierarzneimittel. Antibiotika stehen dabei besonders im Fokus, hier sind die Anwendungsmengen und Umwelteinträge besonders hoch. Auch für die globale Gesundheit sind die großen Mengen an Antibiotika, die in Tierställen eingesetzt werden, ein Problem, denn sie tragen zur Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen in der Human- und Tiermedizin bei. Wenn wir es nicht schaffen, Lösungen für das Problem steigender Antibiotika-Resistenzen zu finden, muss damit gerechnet werden, dass die Zahl der Menschen, die durch unwirksame Medikamente sterben, bis zum Jahr 2050 von heute 700.000 auf 10 Million jährlich ansteigen wird. In Deutschland wurde 2008 die Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) erarbeitet, um die weitere Entwicklung und Ausbreitung von Antibiotika-Resistenzen zu reduzieren. (1) Was machen unsere europäischen Nachbarn? In diesem Artikel schauen wir auf neue Beschlüsse der britischen Regierung im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen.

Nur vier Monate nach Veröffentlichung des von dem Ökonomen O'Neill verfassten und von der englischen Regierung in Auftrag gegebenen Berichts "Review on Antimicrobial Resistance's" (2), der die gesundheitlichen und die damit einhergehenden erheblichen negative Folgen der prognostizierten Verschärfung des Antibiotika-Resistenzproblems für die gesamte Weltwirtschaft darstellte und notwendige Gegenmaßnahmen skizzierte, konkretisiert die Britische Regierung mit ihrer Antwort "Government response to the Review on Antimicrobial Resistance" (3) ihre Strategie gegen die globale Herausforderung sich ausbreitender Antibiotika-Resistenzen. Sie macht dabei deutlich: Der Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen (AMR) ist nur gemeinschaftlich zu gewinnen, indem der globale Aktionsplan der Weltgesundheitsorganisation (WHO) von allen Ländern umgesetzt wird. Und die Briten sagen deutlich: UK will dabei eine führende Kraft sein.

In ihrer im September veröffentlichten Antwort auf den Bericht konkretisiert die britische Regierung nun, wie sie die empfohlenen Maßnahmen des O'Neill Berichts, die von globalen Aufklärungs-Kampagnen, über Maßnahmen zur Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes, die Entwicklung neuer wirksamer Medikamente bis hin zur Durchsetzung einer weltweiten Anti-Resistenz-Strategie, reichen, umsetzen wird. Auf ersten Erfolgen, wie die Reduzierung der Antibiotika-Verschreibungen im vergangenen Jahr um 7,9%, will man sich nicht ausruhen. Vielmehr will die Britische Regierung die Anstrengungen bei der Umsetzung des Nationalen Antibiotika-Resistenz-Plans, der 2013 verabschiedet wurde, noch einmal verstärken und beschleunigen. U.a. sollen bis 2020 "unangebrachte Verschreibungen" um 50% reduziert werden. Mit 50 Mio. Pfund beteiligt sich England an einem internationalen Fonds zur Unterstützung der Entwicklung neuer antibiotischer Wirkstoffe.

Auch auf die Forderung des O'Neill Reports nach mehr Transparenz hinsichtlich der Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung und die Forderung nach einer Reduzierung des dortigen Antibiotika-Einsatzes, insbesondere nach einem Verbot bzw. einer sehr restriktiven Verwendung von Antibiotika, die für den Erhalt der menschlichen Gesundheit von besonderer Bedeutung sind, geht die britische Regierung ein. Dabei will die Regierung alle Akteure von der internationalen bis zur nationalen Ebene einbinden. Konsumenten sollen beim Kauf tierischer Waren zukünftig erkennen können, welche und wieviel Antibiotika in der Produktion eingesetzt wurden. Die Nahrungsmittelproduzenten sollen endlich entsprechende Schritte in Richtung "verantwortungsvoller Antibiotikaeinsatz" einleiten und die notwenige Transparenz sicherstellen. Die britische Regierung denkt zudem über eine entsprechende Zertifizierung nach. Es ist zu hoffen, dass dieses Maßnahmenpaket schnell umgesetzt wird. Erst im September wurden bei Untersuchungen von Hühnchenfleisch aus britischen Supermärkten bei einem Viertel der untersuchten 92 Proben Antibiotika-resistente E. Coli Bakterien nachgewiesen. (4)

Von der Pharmaindustrie erwartet die Britische Regierung, dass sie das Problem der Umweltverschmutzung durch unkontrollierte, ungereinigte Fabrikabflüsse an den Herstellungsorten in den Griff bekommen. Dass die Regierung hier allerdings nicht mehr als "freiwillige Verpflichtungen" fordert, ist aus PAN-Sicht enttäuschend und unverständlich. Seit Jahren machen Umweltschutzorganisationen auf die massive Umweltbelastung durch Arzneimittel an den Herstellungsorten aufmerksam und fordern u.a. die Aufnahme von Umweltstandards in die Kriterien der sogenannten Guten Herstellungspraxis (GMP - Good Manufacturing Practice) (5).Konkreter wird der Bericht an anderer Stelle. Er fordert, dass alle Länder länderspezifische, messbare Reduktions-Ziele für die Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung festlegen und setzt für Großbritannien das Ziel, die Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung und Aquakultur bis 2018 auf einen Durchschnitt von 50 mg/kg zu senken. 2012 lag dieser Wert in UK bei 60 mg Antibiotika pro kg Fleisch und somit weit unter den zu der Zeit in Deutschland verwendeten 200 mg. (6) Die Britische Regierung hat in ihrer politischen Antwort auf den Bericht klargestellt, dass sie sich im Rahmen der Veterinärgesetzgebung für Restriktionen oder Verbote bei der Verwendung kritischer Reserveantibiotika in der Tierhaltung einsetzen will. Dies ist sehr zu begrüßen und es bleibt zu hoffen, dass UK trotz des beschlossenen Austritts aus der EU dieses Engagement bereits jetzt bei der aktuell laufenden Überarbeitung des EU-Tierarzneimittelrechts umsetzt.

Aus Sicht von PAN Germany ist es unbedingt wichtig, dass eine dringend notwendige weitere Reduktion der in der Tierhaltung eingesetzten Antibiotika, egal ob in England, Deutschland oder anderswo, nicht durch medizinisch nicht zu verantwortende verkürzte Therapiezeiträume oder durch den Austausch älterer Antibiotika durch niedriger zu dosierende Reserveantibiotika erfolgen darf. Ein solcher Austausch würde zwar die eingesetzte Gesamtmenge reduzieren und somit auf dem Papier einen Erfolg suggerieren, doch den Erhalt der Wirksamkeit lebenswichtiger Antibiotika würde dies gefährden und es würde faktisch einen Rückschritt im Kampf gegen Antibiotika-Resistenzen bedeuten. Zukunftsweisend ist vielmehr, durch eine Vielzahl ineinandergreifender Maßnahmen die Tiergesundheit sicherzustellen und den Bedarf an Antibiotika zu senken. Hierzu zählen unter anderem Verbesserungen der Haltungsbedingungen, die Förderung und Verwendung robuster Zuchtlinien, Hygienemaßnahmen und die Durchführung von Wirksamkeitsprüfungen vor der Verabreichung von Antibiotika sowie die Verbannung des Einsatzes von Reserve-Antibiotika aus Intensivtierhaltungen. In England setzt sich die "Alliance to Save our Antibiotics" hierfür ein. (7) Die Alliance wurde von Sustain, Compassion in World Farming und der Soil Association gegründet und wird europaweit von VertreterInnen aus den Bereichen Gesundheitsvorsorge, Medizin, Landwirtschaft und zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen unterstützt, darunter PAN UK und PAN Germany. In ihrer jüngsten Presseinformation bewertet die Alliance die am 14.10.2016 von der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) herausgegebenen Verkaufszahlen der Mitgliedsstaaten für Antibiotika in der Tierhaltung. (8) Die Zahlen verdeutlichen einmal mehr das Problem des übermäßigen Einsatzes von Antibiotika und des besorgniserregenden Anstiegs der Verwendung von Reserveantibiotika in europäischen Tierställen. (9)

(Susan Haffmans, PAN Germany)

Quellen

(1) DART - Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie. Informationen des Bundesgesundheitsministeriums
http://www.bmg.bund.de/themen/praevention/krankenhausinfektionen/antibiotika-resistenzstrategie.html

(2) O'NEILL. J. (2016): Review on Antimicrobial Resistance:
https://amr-review.org/sites/default/files/160525_Final%20paper_with%20cover.pdf

(3) British Government response to the Review on Antimicrobial Resistance. September 2016
https://www.gov.uk/government/uploads/system/uploads/attachment_data/file/553471/Gov_response_AMR_Review.pdf

(4) Mail Online Presse-Meldung vom 4. September 2016: E.coli superbug in 1 in 4 supermarket chickens: Antibiotic-resistant strain is found on shelves at seven leading chains.
http://www.dailymail.co.uk/news/article-3773611/Antibiotic-resistant-E-coli-superbug-chickens-shelves-seven-leading-supermarkets.html#ixzz4MfXLQadG

(5) Sumofus (2015): Bad Medicine. How the pharmaceutical industry is contributing to the global rise of antibiotic-resistant superbugs.
https://s3.amazonaws.com/s3.sumofus.org/images/BAD_MEDICINE_final_report.pdf

(6) European Medicines Agency (2014): An agency of the European Union sales of veterinary antimicrobial agents in 26 EU/EEA countries in 2012. Fourth ESVAC report.
http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Report/2014/10/WC500175671.pdf

(7) The Alliance to Save our Antibiotics
http://www.saveourantibiotics.org/

(8) European Medicines Agency (2016): Sales of veterinary antimicrobial agents in 29 European countries in 2014, Sixth ESVAC report.
http://www.ema.europa.eu/docs/en_GB/document_library/Report/2016/10/WC500214217.pdf

(9) The Alliance to Save our Antibiotics, Massive overuse of farm antibiotics continues in Europe. Presseinfo vom 17.10.2016
http://www.saveourantibiotics.org/news/press-release/massive-overuse-of-farm-antibiotics-continues-in-europe/

Weitere Informationen:

PAN Germany (2015): Häufig gestellte Fragen zum Thema Tierarzneimittel und Antibiotika-Resistenz-Risiken
http://www.pan-germany.org/download/tierarzneimittel/FAQs-Tierarzneimittel.pdf

Weitere Informationen von PAN Germany zum Thema Tierarzneimittel in der Umwelt:
http://www.pan-germany.org/deu/projekte/tierarzneimittel.html

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