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Immer mehr Pestizide auf deutschen Äckern

19.05.2014, PAN Germany Pestizid-Brief 5-2014

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Pestizidindustrie frohlockt - Mensch und Natur zahlen die Zeche

Jedes Frühjahr äußert sich der Industrieverband Agrar (IVA) zur geschäftlichen Entwicklung auf dem Pestizid- und Düngemittelmarkt und kommentiert die Lage und die Zukunftsaussichten der Branche. In diesem Jahr ist der Rückblick auf die jüngste Marktentwicklung von großem Schulterklopfen begleitet. Ganz anders fällt der IVA-Blick in die Zukunft aus. Er wird genutzt, um sich frontal gegen die verschärfte EU-Gesetzgebung zu stellen. Da lohnt ein kritischer Blick auf die Beschwerden des IVA.

Im dritten Jahr in Folge konnten Hersteller und Anbieter von Pestiziden ihre Nettoumsätze auf dem deutschen Markt um 7,5 Prozent steigern, von 1,401 Milliarden Euro auf 1,506 Milliarden Euro. Der Zuwachs ist nicht nur ein monetärer. Auch real, in Tonnen gemessen, gelangen mehr Pestizide auf die Äcker. In den vergangenen 10 Jahren (2002 bis 2012) stieg der Inlandsumsatz an Pestizid-Wirkstoffen um ein Drittel von 34.678 auf 45.527 Tonnen an(1). Im gleichen Zeitraum blieb die landwirtschaftlich genutzte Fläche annähernd gleich. Die Folgen dieser enormen Intensitätssteigerung im chemischen Pflanzenschutz sind überall sichtbar. Die Ackerböden sind mittlerweile an Wildsamen extrem verarmt, Bestäuberinsekten finden in der zunehmend blütenlosen Agrarlandschaft keine Nahrung mehr und Bienen werden akut und chronisch durch Pestizide vergiftet. Für Amphibien ist der Kontakt mit den Pestiziden oftmals tödlich. Jüngste Forschungsergebnisse dokumentieren Sterblichkeitsraten bei Grasfröschen von 20 bis 100 Prozent, selbst bei Einhaltung erlaubter Ausbringungsmengen(2). Viele der Auswirkungen des Pestizideinsatzes auf Mensch und Natur zeigen sich erst nach Jahren, Jahrzehnten oder erst nach Generationen. So können Menschen betroffen sein, die zum Zeitpunkt der Pestizidanwendung noch nicht einmal geboren waren. Ein Beispiel hierfür sind erlittene Missbildungen und Fortpflanzungsschäden bei Beschäftigten in Gärtnereien und deren Kindern durch hormonell wirksame Pestizide(3).

Dass nach wie vor Pestizide zum Einsatz kommen, die nachweislich krebserregend sind, Kinder im Mutterleib schädigen oder das Hormonsystem von Menschen und wildlebenden Tieren stören können, ist vor dem Hintergrund existierender, praktisch erprobter nicht-chemischer Verfahren unentschuldbar. Doch die Industrie macht Druck gegen beschlossene EU-weite Regelungen zum Schutz von Mensch und Natur, wonach Pestizidwirkstoffe mit besonders gefährlichen Eigenschaften (u.a. krebserregend, fortpflanzungsschädigend oder extrem umweltgefährlich) nicht mehr zu genehmigen sind. Auf der Jahrespressekonferenz am 12. Mai 2014 warnte der Industrieverband Agrar (IVA) vor den "Folgen für die Produktivität und die Konkurrenzfähigkeit der deutschen Landwirtschaft" und titulierte die EU als "Innovationsbremse"(4). Böses Brüssel, armes Deutschland? Die Entscheidung, endlich Ausschlusskriterien (cut-off-Kriterien) für besonders gefährliche Wirkstoffe einzuführen, wurde von den EU-Mitgliedstaaten jedoch gemeinschaftlich beschlossen, zum Schutz ihrer Bevölkerung und ihrer Lebensgrundlagen. Die Regelungen gelten für alle EU-Mitgliedstaaten und ihre Umsetzung erfolgt nicht einseitig in Deutschland. Das Konkurrenzgefüge innerhalb der EU bleibt also bestehen.

Es ist richtig, dass der Pflanzenschutz dringend Innovationsanstrengungen benötigt. Hier ist dem IVA zuzustimmen. Dies sollte aber nicht im Sinne der Pestizidindustrie geschehen, die "modernen Pflanzenschutz" mit "chemischem Pflanzenschutz" gleichsetzt. Investiert werden muss endlich in einen zukunftsfähigen ökosystembasierten Pflanzenschutz, der das ganze Anbausystem einbezieht und mit der Natur arbeitet statt gegen sie.

Während die Pestizidhersteller große Gewinne einfahren, werden Anwendungskontrollen und Rückstandsanalysen aus unseren Steuergeldern bezahlt. Die externen Kosten der chemieintensiven Landwirtschaft werden an alle veräußert. Die Kosten für Artenverlust, Gewässerkontamination und pestizidbedingte Krankheiten schlagen sich weder in den Lebensmittelpreisen noch in den Pestizidpreisen nieder - und müssen schon gar nicht bei den Pestizidherstellern als "Verlust" verbucht werden. Dennoch scheut der IVA nicht davor zurück, Furcht vor den Folgen für die Verbraucherpreise zu schüren. Stattdessen sollten wir uns lieber die Frage stellen: Wer würde sich heute noch ein Brot leisten können, wenn der Brotpreis alleine jene bereits bekannten externen Pestizid-Kosten enthielte, die entstehen durch spritzbedingte Artenarmut auf Getreideäckern, Pestizid-Abdrift und deren Folgen für Anwohner, die Kosten der Pestizidbelastung von Kleingewässern und Brunnen und die Kosten für Rückstandskontrollen?

(Susan Haffmans, PAN Germany)


Quellen

(1) BVL (2013): Absatz an Pflanzenschutzmitteln in der Bundesrepublik Deutschland Ergebnisse der Meldungen gemäß § 64 Pflanzenschutzgesetz für das Jahr 2012: http://www.bvl.bund.de/SharedDocs/Downloads/04_Pflanzenschutzmittel/meld_par_19_2012.pdf?__blob=publicationFile&v=3
(2) Universität Koblenz-Landau (2013): Pflanzenschutzmittel gefährden Frösche. Meldungen über Studie der Universität Koblenz-Landau vom 24.0.2013: http://www.uni-koblenz-landau.de/landau/aktuelles/archiv-2013/amphibiensterben
(3) PAN Germany (2013): Missbildungen und Fortpflanzungsschäden. Gefahr für Beschäftigte in Gärtnereien und deren Kinder durch hormonell wirksame Pestizide. PAN-Studie. http://www.pan-germany.org/download/pan_studie_endokrine_pestizide_1303.pdf
(4) IVA (2014): Überregulierung in Europa bremst Innovationen aus. Presseinformation vom 15.6.2014: http://www.iva.de/pressemitteilungen/jahrespressekonferenz-2014-iva-ueberregulierung-europa-bremst-innovationen-aus#sthash.ksxVcVDN.dpuf

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