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Pestizidrückstände: weniger Überschreitungen, bleibende Bewertungslücken

30.06.2012, Susanne Smolka

Anfang Mai 2012 veröffentlichte das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) die Untersuchungsergebnisse zu Pflanzenschutzmittelrückständen in Lebensmitteln des Jahres 20101. Der erfreuliche Trend der sinkenden Überschreitungen von Rückstandshöchstmengen wird getrübt durch die vorhandenen Defizite bei der Festlegung der Höchstmengen.

"Überschreitungen der Rückstandshöchstgehalte nehmen stetig ab". So titelte das BVL in seiner Pressemitteilung zur Berichterstattung1. Offensichtlich fruchten die jahrelangen Forderungen von Umweltschutzorganisationen wie PAN und Greenpeace, die neuen verschärften Standards vieler Handelsketten und die administrativen Kontroll-Maßnahmen. Positiv hervorzuheben ist auch die deutsche Spitzenposition beim Untersuchungsumfang von Lebensmitteln im EU-Ländervergleich. Insgesamt untersuchten die Ämter der Lebensmittel- und Veterinärüberwachung in den Bundesländern 17.585 Proben von 164 Lebensmitteln auf 794 verschiedene Pestizid-Wirkstoffe. Über die Hälfte der untersuchten Proben (58,7%) wurden im Lebensmitteleinzelhandel gezogen.

Vergleichsweise häufig werden noch immer Pestizidrückstände in verarbeiteten Lebensmitteln gefunden, obwohl sich bei dieser Gruppe die Fundmeldungen im Vergleich zum Vorjahr deutlich verringert haben. Besonders häufig zu beanstanden waren Chilli-Gewürz und Paprika-Pulver. Die zweite große Problemgruppe bleibt Obst und Gemüse. In 62,8% der "surveillance sampling"-Proben wurden Pestizid-Rückstände und dabei 2,9% Überschreitungen festgestellt. Besonders häufig wurden frische Kräuter, Paprika, Bohnen (mit Hülsen) sowie Grünkohl beanstandet. Die Quote bei Proben, die aufgrund konkreter Verdachtsmomente gezogen wurden, ist erwartungsgemäß höher. Hier lag insgesamt der Anteil an Höchstmengen-Überschreitungen bei 5,4%, im Jahr 2009 noch bei 11,4%.

Eine Verschlechterung gegenüber dem Vorjahr gab es bei der Säuglings- und Kleinkindernahrung. Hier stieg die Zahl der Proben mit Rückständen von 14,1% auf 17,2%; eine Probe wies eine Überschreitung der für Säuglings- und Kleinkindernahrung geltenden Grenzwerte auf.

Sechs der "TOP 8", der am häufigsten nachgewiesenen Pestizid-Wirkstoffe, stehen auf der PAN International-Liste hochgefährlicher Pestizide (PAN International List of Highly Hazardous Pesticides): Dimethoat, Carbendazim, Profenofos, bromhaltige Begasungsmittel und Chlorpyrifos.

Die 1.337 Proben aus ökologischem Anbau waren, wie zu erwarten, deutlich geringer belastet. So enthielten knapp 80% keine quantifizierbaren Rückstände. Nur bei 3 Proben (0,2%) lagen die gefundenen Rückstände über den Rückstandshöchstgehalten, ansonsten konnten nur Spuren festgestellt werden.

Ein wachsendes Problem stellen die Mehrfachrückstände dar. 40,3% aller untersuchten Proben wiesen mehr als einen Wirkstoffrückstand auf. 2009 lag der Anteil bei 39,8%. Besonders viele verschiedene Rückstände finden sich in Tafeltrauben, Pfirsichen, Birnen und Salat. Bei Johannisbeeren und Grapefruits waren rund 80% aller Proben mit Mehrfachrückständen belastet. Dies gibt Anlass zur Sorge.

Noch immer gibt es kein Bewertungskonzept für das oft vorkommende Auftreten von Mehrfach-Rückständen in Lebensmitteln. Seit 2005 kopiert das BVL gebetsmühlenartig in jeden Bericht dasselbe Statement: "Für die toxikologische Bewertung von Mehrfachrückständen sind noch keine allgemein anerkannten Methoden vorhanden. Derartige Methoden werden aber zurzeit entwickelt."

Die Diskussionen um eine angemessene Risikoabschätzung, an der sich die Rückstandshöchstmengen zu orientieren haben, gehen mittlerweile weit über das Problem der "Cocktail-Effekte" hinaus. So werden nicht nur Stoffgemische nicht bewertet, sondern es fehlen sogar für viele Effekte, die durch hormonähnliche Stoffe ausgelöst werden, bislang Testmethoden. Eine aktuelle Analyse von über 800 Studien gelangt außerdem zu dem Ergebnis, dass bei endokrinen, also hormonähnlich wirkenden Stoffen, Gesundheitsrisiken aufgrund von Niedrigdosiseffekten bislang erheblich unterschätzt und durch die klassische Risikoabschätzung nicht erfasst werden können2. Außerdem nutzen die administrativen Stellen nicht alle wissenschaftlichen Studien, sondern begrenzen ihr Blickfeld auf unveröffentlichte, nicht überprüfbare Daten der Industrie. Wie unabhängige wissenschaftliche Studien in die administrative Entscheidungsfindung eingebunden werden sollten, wird derzeit diskutiert.

Die sinkende Anzahl von Überschreitungen der erlaubten Höchstmengen bleibt nur ein kleiner Schritt hin zu einem auch langfristig verlässlichen Verbraucherschutz. Dieser Trend kann keinesfalls darüber hinwegtäuschen, dass die bisherigen, klassischen Konzepte der administrativen Stoffbewertung derzeit stärker als jemals zuvor auf dem Prüfstand stehen sollten.

(Susanne Smolka)

1 BVL (2012): Nationale Berichterstattung Pflanzenschutzmittelrückstände in Lebensmitteln 2010 (inkl. Link zu Tabellen und Presseinformation): http://tinyurl.com/czclj2q
2 Vandenberg, L.N. et al. (2012): Hormones and Endocrine-Disrupting Chemicals: Low-Dose Effects and Non-monotonic Dose Responses, Endocr Rev. 2012, March 14, PDF-Download unter: http://www.ncbi.nlm.nih. gov/pubmed/22419778

Aus: PAN Germany Pestizid-Brief Mai/Juni 2012

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