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Weniger antibiotikaresistente Keime durch Umstellung auf Bio-Hühnerhaltung

30.04.2012, PAN Germany, Susan Haffmans

"Ohne gesunde Tiere keine gesunden Lebensmittel" steht als Zitat von Bundeslandwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner auf der Startseite zum Themenkomplex "Tier" des BMELV1. Dass wir von beidem noch weit entfernt sind, machten Ende letzten Jahres Studienergebnisse des Landesamtes für Verbraucherschutz in Nordrhein-Westfalen erneut deutlich, die einen massiven Einsatz von Antibiotika in der Geflügelhaltung aufdeckten2.

Untersucht wurden bei 182 Hähnchenmastbetrieben knapp 1.000 Mastdurchgänge. Als Mastdurchgang wird die Zeit vom Schlüpfen des Kükens bis zur Schlachtung bezeichnet. Diese umfasst in vielen Betrieben nur 35 Tage. Das Ergebnis der Studie aus Nordrhein-Westfalen verdeutlicht, dass Antibiotika-Einsatz die Regel ist und unsachgemäßer Umgang mit den auch für Menschen wichtigen Medikamenten keine seltene Ausnahme darstellt. Bei 83% der Durchgänge kamen Antibiotika zum Einsatz, einzelnen Tieren wurden bis zu acht unterschiedliche Präparate verabreicht, jeder zweite Mäster hat hierbei das Mittel bereits nach zwei Tagen wieder abgesetzt. Dieses Verhalten ist eine Steilvorlage für die Bildung von Resistenzen.

Die offengelegte Praxis legt nach Einschätzung des Landesamtes den Verdacht nahe, dass die Tiere die Medikamente vor allem wegen des Nebeneffekts der Wachstumsförderung erhielten3. Dass die verkürzte Anwendung "nicht dem Stand der veterinärmedizinischen Wissenschaft" entspricht, wurde auch durch ein Gutachten bestätigt4.

Die Brisanz der Ergebnisse wurde Anfang 2012 noch durch die Ergebnisse einer Stichprobenuntersuchung des Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) unterstrichen. Sie deckte auf, dass jede zweite Hähnchenfleisch-Probe aus deutschen Supermärkten mit antibiotikaresistenten Krankheitskeimen belastet ist5.

Schon vor dem Bekanntwerden der Studienergebnisse und vor den Keim-Funden hatte die Bundesregierung angekündigt, den Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung einschränken zu wollen. Hierzu hat das BMELV mit der Deutschen Antibiotika-Resistenzstrategie DART ein Paket an Maßnahmen geschnürt, die sich auch in der Charta für Landwirtschaft und Verbraucher wiederfinden. Hierzu zählen unter anderem die Erfassung der tatsächlichen Verbrauchsmengen von Antibiotika in der Veterinärmedizin für Monitoring-Zwecke, die permanente Überwachung der Entwicklung der Antibiotika-Resistenzsituation, eine verbesserte Information von Tierärzten, Landwirten und Verbrauchern sowie die Minimierung des Antibiotika-Einsatzes6,7. Die Maßnahmen sind zum Teil überfällig, doch werden sie ausreichen, das Problem zu lösen?

Ein wichtiger und wesentlicher Hinweis aus der Studie scheint bislang leider ignoriert zu werden: Die Prüfer konnten feststellen, dass der Antibiotika-Einsatz in Kleinbetrieben geringer ist. Auch wurden geringere Mengen an Antibiotika eingesetzt, wenn die Mastdauer länger als 45 Tage dauerte. Dies zeigt, dass eine ernsthafte Strategie gegen Antibiotika-Einsatz und Antibiotika-Missbrauch auch Maßnahmen zur Änderung der Haltungsbedingungen und Mastverfahren enthalten müsste, um erfolgreich zu sein.

Dass Haltungsänderungen in der Geflügel-Produktion zu weniger antibiotikaresistenten Keimen führen, zeigen neueste Untersuchungen aus den USA, die konventionelle und biologische Geflügelfarmen verglichen8. Wie in Deutschland, so werden auch in den USA in der konventionellen Geflügelmast Antibiotika aus therapeutischen, prophylaktischen und nicht-therapeutischen Gründen eingesetzt. In der kontrolliert biologischen Haltung von Geflügel ist der Antibiotika-Einsatz nach U.S. amerikanischem Bio-Standard (NOP, National Organic Program) verboten. Medikament-Zusätze, genetisch veränderte Zutaten und Schlachtabfälle im Futter sind ebenfalls verboten. Außerdem schreibt der NOP-Standard vor, dass alle Bestandteile des eingesetzten Tierfutters aus kontrolliert biologischem Anbau stammen müssen. Des Weiteren gibt es Vorschriften im Bereich der Gesundheitsvorsorge und den Tieren muss ein Außenauslauf ermöglicht werden9. Ein Forscherteam untersuchte vor diesem Hintergrund den Einfluss der Haltungsformen auf die Antibiotika-Resistenz. Verglichen wurden konventionelle Geflügelfarmen und solche Farmen, die gerade frisch auf kontrolliert biologische Haltung umgestellt hatten. Überprüft wurden die Einstreu, das Futter und die Abwässer der Betriebe auf resistente Keime. Das deutliche Ergebnis: Der Verzicht auf den Einsatz von Antibiotika in der biologischen Geflügelhaltung führte zu einer signifikanten Reduktion antibiotikaresistenter Keime und das bereits in den ersten vier Monaten nach der Umstellung.

(Susan Haffmans)

1 http://www.bmelv.de/DE/Landwirtschaft/Tier/ tier_node.html;jsessionid=91A53547D2599813805D65B0E5F48F0F.2_cid237
2 www.antibiotikastudie.nrw.de
3 http://www.ndr.de/info/programm/sendungen/reportagen/antibiotika129.html
4 http://www.nrw.de/landesregierung/minister-remmel-massives-antibiotika-problem-in-der-massentierhaltung-11868/.
5 http://www.bund.net/nc/presse/pressemitteilungen/detail/artikel/haehnchenfleisch-in-supermaerkten-mit-krankheitskeimen-belastet-handel-muss-kunden-vor-antibiotikar/
6 Die Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie (DART) http://www.bmelv.de/SharedDocs/ Downloads/Broschueren/DART.pdf?__blob=publicationFile
7 http://www.bmelv.de/SharedDocs/Downloads/Ministerium/ChartaLandwirtschaftVerbraucherDownload.pdf?__blob=publicationFile
8 Sapkota A. R. et al. (2011): Lower Prevalence of Antibiotic-Resistant Enterococci on U.S. Conventional Poultry Farms that Transitioned to Organic Practices. In: Environmental Health Perspectives. Volume 119, Number 11
9 US Bio-Standard NOP http://www.ams.usda.gov/AMSv1.0/ams.fetchTemplateData.do?template=TemplateA&navID=NationalOrganicProgram&leftNav=NationalOrganicProgram&page=NOPNationalOrganicProgramHome&acct=nop


Aus: PAN Germany Pestizid-Brief März/April 2012

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