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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Zukünftig höhere Insektizid-Belastung der Gewässer

28.02.2012, PAN Germany, Susan Haffmans

Wissenschaftler des Helmholz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) Leipzig haben Szenarien zum Klima- und Landnutzungswandel in Europa durchgerechnet und prognostizieren, dass europäische Gewässer in Zukunft erheblich stärker mit Insektiziden belastet sein werden1.

Aquatische Lebensgemeinschaften sind sowohl direkt als auch indirekt von Klima-Veränderungen betroffen. Die Studie des UFZ widmet sich vor allem dem Problem der indirekten Auswirkungen. Pestizide - und hier vor allem Insektizide - wirken sich sowohl kurzfristig als auch langfristig negativ auf aquatische Lebensgemeinschaften aus. Zudem schwächen Insektizide ökosystemare Funktionen wie zum Beispiel den Laub-Abbau. Durch die Belastung von Gewässern mit Insektiziden wird verhindert, dass die Gewässer einen guten chemikalischen und ökologischen Zustand erreichen. Doch gerade dies ist das Ziel der EU-weit geltenden Wasserrahmenrichtlinie (WRRL). Besonders betroffen sind Kleingewässer in der Agrarlandschaft.

Wie wird sich der Pestizid-Einsatz vor dem Hintergrund prognostizierter Klima- und Landnutzungsänderungen in Europa entwickeln und wie wird sich dies zukünftig auf die Qualität unserer Gewässer auswirken? Dieser Frage gingen die Forscher des UFZ nach und verglichen Daten von 1990 mit modellierten Annahmen für das Jahr 2090. Die dem Modell zugrunde liegende Annahme über die Klimaentwicklung basiert auf Werten des Weltklimarates (ICCP) von 2007. Was damals als "worst-case-scenario" angesehen wurde, nämlich eine Erhöhung der globalen Mitteltemperatur um 2,8 Grad Celsius für das Ende des 21. Jahrhunderts, wird - manchen Klimaexperten zufolge - von der tatsächlichen Entwicklung wohlmöglich noch übertroffen.

Mit dem Klimawandel werden sich die Landnutzung, die angebauten Kulturpflanzen und ihre räumliche Ausbreitung, das Spektrum und die Verbreitung von Schädlingen, die Unkrautflora sowie die Vegetationszeit und damit auch die Anbauperiode verändern. Für 15 EU-Staaten konnten die Daten über den kulturspezifischen Pestizid-Einsatz für Getreide, Kartoffeln, Zuckerrüben, Gemüse, Ölsaaten, Mais, Obst-Kulturen, Wein und Zitrusfrüchte zusammengetragen und mit den geographischen und klimatischen Datensätzen verschnitten werden. Auch das durch die Wissenschaftler errechnete Auswaschungspotential für Insektizide und die tatsächliche und für 2090 vorhergesagte landschaftliche Ausstattung flossen in das Modell mit ein. Denn ob sich belastete Ökosysteme erholen können, hängt auch davon ab, ob in der Landschaft noch Erholungsräume, wie zum Beispiel Grünländer, vorhanden sind. Die Belastung der Gewässer wurde über den SPEAR-Index errechnet. Der SPEAR-Index (SPEAR steht für SPEcies At Risk) erlaubt anhand biologischer Parameter einen direkten Rückschluss auf die ökologische Wirkung von Insektiziden sowie den Anteil der insektiziden Wirkung von Fungiziden und Herbiziden.

Das Szenario rechnet für 2090 damit, dass sich der Insektizid-Einsatz, verglichen mit 1990, europaweit im Durchschnitt mehr als verdoppeln wird. Für einige Länder erwarten die Forscher sogar Anstiege des Insektizid-Einsatzes auf das bis zu 23fache des momentanen Insektizid-Einsatzes. Dabei wird die Entwicklung in den Ländern sehr unterschiedlich sein. Gebiete, die bereits heute ein sehr hohes ökologisches Risiko aufweisen, also solche Gebiete, in denen heute schon ein hohes Auswaschungs- und Eintragsrisiko für Pestizide in Gewässer besteht und in denen die landschaftliche Ausstattung kaum Erholungsräume bietet, liegen in Spanien, Italien und Frankreich. Hier wird sich das prognostizierte ökologische Risiko für die Gewässer weniger stark erhöhen als in Schweden, Finnland und in den drei baltischen Staaten, die derzeit noch ein sehr geringes ökologisches Risiko aufweisen. Aber auch in Mitteleuropa wird sich Situation zuspitzen: Deutschland wird dann zu den rund 40 Prozent der Fläche Europas gehören, in denen die Gewässer aufgrund der Pestizid-Belastung keinen guten ökologischen Status mehr erreichen.

Vor dem Hintergrund der Ergebnisse empfehlen die Wissenschaftler, den Eintrag von Pestiziden in Gewässer durch Pestizid-Reduktion und durch die Einrichtung von Pufferzonen an Gewässern drastisch zu reduzieren.

Die Forderung nach der Einrichtung von Pufferzonen an Oberflächengewässern wurde von PAN, zahlreichen anderen Umweltverbänden und Vertretern der Wasserwirtschaft wiederholt im Rahmen der Novellierung der neuen Pestizid-Gesetzgebung und der Ausgestaltung des Nationalen Aktionsplans zur nachhaltigen Anwendung von Pestiziden (NAP) gestellt, jedoch nicht aufgenommen2,3.

(Susan Haffmans)

1 Kattwinkel, M. et al. (2012): Climate change, agricultural insecticide exposure, and risk for freshwater communities. Ecological Applications, 21 (6), 2011, pp. 2068-2081, Ecological Society of America
2 PAN Germany (2011): Stellungnahme des Pestizid Aktions-Netzwerk e.V. (PAN Germany) zum Entwurf des Gesetzes zur Neuordnung des Pflanzenrechts (PflSchG-E) vom 4.7.2011, Hamburg, online unter http://www. pan-germany.org/download/PAN_Kommentierung_PflSchG_Entwurf_2011.pdf.
3 PAN Germany, NABU, BUND, Greenpeace, Bioland, BÖLW (2011): "Gewässerschutz" im NAP-Entwurf vom 30.11.2010 - Textvorschläge für die erneute Überarbeitung und Kommentare zur Behandlung des Themas. Online unter http://www.pan-germany.org/download/biodiversitaet/Gewaesser_NAP_Kommentare_Umweltverbaende_110211.pdf


Aus: PAN Germany Pestizid-Brief Januar/Februar 2012

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