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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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UNEP Report zum weltweiten Bienensterben

30.04.2011, PAN Germany, Susan Haffmans

Aus: PAN Germany Pestizid-Brief März / April 2011

Mit dem Report "Global honey bee colony disorders and other threads to insect pollinators" widmet sich das Umweltprogramm der Vereinten Nationen dem globalen Rückgang an Wild- und Honigbienen.1

Nach Angaben des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) reduziert sich die biologische Vielfalt derzeit um 1%-10% innerhalb von zehn Jahren. Vor dem Hintergrund ihrer enormen Bedeutung für den Erhalt der Biodiversität und für die Sicherung von Erträgen weltweit, wird besonders der Rückgang an Bestäubern mit Besorgnis betrachtet. Das UNEP ging nun der Frage nach, ob die dokumentierten Verluste von Wild- und Honigbienen Ausdruck des allgemeinen Biodiversitätsverlustes sind oder ob es ein spezifisches Bienenproblem gibt, das zu den Verlusten führt. In seinem Report wertet das UNEP die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Hintergründe des Bienensterbens aus, analysiert sie und macht Vorschläge zur Verbesserung der Situation.

Die Bestäubung von Pflanzen durch Tiere verbessert die Vermehrung von Wildpflanzen, von denen ihrerseits wieder andere Funktionen oder Organismen im Naturhaushalt abhängig sind. Einige Kulturpflanzen wie Mandeln oder Blaubeeren würden ohne Bestäuber keine einzige Frucht hervorbringen und für viele landwirtschaftliche Anbaukulturen gilt, dass sich ihr Ertrag und die Qualität ihrer Früchte durch Insekten-Bestäubung erheblich verbessern. Darüber hinaus kann die Bestäubung dazu beitragen, dass sich die Zeit zwischen der Blüten- und der Fruchtbildung verkürzt und so jener Zeitraum reduziert wird, in dem Pflanzen etwa Schädlingen, Regen oder anderen, in dieser Wachstumsphase negativen Einflussfaktoren, ausgesetzt sind.

Die zum Teil enge co-evolutionäre Entwicklung von Bienen und Blüten hat dazu geführt, dass die Anatomie von Tier und Pflanze so aufeinander abgestimmt ist, dass kein anderes Tier diese Pflanze bestäuben kann. Der Verlust der Pflanze oder des Bestäubers zieht im Falle solch spezialisierter Arten den Verlust der jeweils angepassten Art nach sich.

Weltweit sind 20.000 Bienenarten bekannt. Die am weitesten verbreitete Honigbienenart ist Apis mellifera. Honigbienen zählen weltweit zu den wichtigsten Bestäubern. Der Wert ihrer Leistungen wird auf bis zu 57 Milliarden Euro jährlich geschätzt.

Um einen Überblick über die weltweiten Bienenverluste zu geben, stellt der UNEP Report die Verlust-Situation in den unterschiedlichen Regionen der Erde vor. In Europa ist seit den 1965er Jahren ein Rückgang an Wirtschaftsvölkern zu verzeichnen. Seit den späten 1990er Jahren gibt es von einzelnen Imkern Berichte über bislang unbekannte Schädigungen an ihren Völkern, vor allem in Frankreich, in der Schweiz, in Deutschland, England, den Niederlanden, Italien und Spanien.

In Nordamerika hat sich die Anzahl an Erwerbsvölkern in den letzten 50 Jahren halbiert. In den späten 1980er Jahren hat das Auftreten unterschiedlicher Milben zur Reduktion von Bienenvölkern beigetragen. Um das Phänomen des seit einigen Jahren auftretenden multi-faktoriell bedingten Bienensterbens zu beschreiben, wurde in den USA der Begriff "Colony Collapse Disorder" (CCD) geschaffen. Zwischen 2006 und 2007 erlitten 29% von 577 befragten Imkern in den USA Schäden durch CCD an ihren Bienenvölkern. Die Winterverluste lagen mit 31% bis 36% deutlich über den als "normal" erachteten Verlusten von 10-20%.

In China werden rund sechs Millionen Bienenvölker von rund 200.000 Imkern gehalten. Verbreitet sind dort sowohl Apis mellifera als auch Apis cerana. Auch dort kommt es seit einigen Jahren zu Völkerverlusten, die nicht eindeutig auf eine einzelne Ursache zurückzuführen sind. Zwar sind dort einige Verluste mit dem Auftreten von Varroamilben und der amerikanischen Faulbrut zu erklären, doch es wird auch nach anderen Ursachen geforscht. Genauere Daten lagen dem UNEP hierzu jedoch nicht vor.

Auch für Japan werden Völkerverluste von bis zu 25% gemeldet, deren Ursache nicht geklärt zu sein scheint. Australien hat bislang keinen Varroamilben-Befall. Das Land versucht seine Bienen-Bestände durch strickte Vorschriften für die Quarantäne zu schützten. Derzeit gibt es dort keine Berichte über Völkerverluste.

Aus Afrika sind nur wenige Daten verfügbar. Die im Report zusammengestellten Informationen beziehen sich auf Ägypten. Imker, die entlang des Nils ihre Völker stehen haben, berichten über CCD Symptome. In einem Versuch konnte gezeigt werden, dass die Symptome verschwanden, wenn die Bienenvölker an einen Ort verbracht wurden, der sich durch vielfältigere Vegetation auszeichnete.

Nach der Darstellung der Situation in den unterschiedlichen Ländern geht der UNEP Report auf die möglichen Gründe für den Rückgang der Bienen ein. Als erstes nennt der UNEP Bericht die Degradation der Landschaft. Hierzu zählen die zunehmende Fragmentierung genauso wie die Zerstörung von Lebensräumen und deren Monotonisierung. Auch der zunehmende Schädlingsdruck durch Parasiten und die Ausbreitung invasiver Arten und eingeschleppter Krankheiten tragen laut Report zum Verlust von Bienenvölkern bei. Luftverschmutzung hemmt die symbiotische Beziehung zwischen Bestäubern und Pflanzen. Obgleich tagaktive Insekten sich in erster Linie optisch orientieren, spielt auch der Geruchsinn bei der Orientierung von Bestäubern eine große Rolle. Durch Luftverschmutzung wird diese Möglichkeit der Orientierung jedoch eingeschränkt. Konnte der Duft einer Pflanze vor rund 200 Jahren noch rund 800 Meter weit transportiert werden, erreicht er heute nur noch eine Entfernung von 200 Metern. Bestäuber, die für die Nahrungssuche auf die Orientierung an Gerüchen angewiesen sind, können somit nur noch Futterquellen in der Nähe ausmachen und nutzen. Auch elektromagnetische Felder werden als Störfaktoren diskutiert, da Bienen hierauf empfindlich reagieren. Ausreichende Daten um einen möglichen kausalen Bezug zwischen dem Auftreten elektromagnetischer Felder und dem beobachteten Bienensterben herzustellen, fehlen jedoch bislang.

Auch die landwirtschaftliche Praxis wird im UNEP Bericht betrachtet. Agrochemikalien können Bestäuber direkt schädigen oder töten und ihre Fortpflanzung negativ beeinflussen. Herbizide vernichten Nektar- und Pollenquellen und mit ihnen notwendige Brutstätten für die Larven der Wildbienen und sie zerstören notwendiges Nistmaterial für Motten und Schmetterlinge. Die wiederholte Exposition mit Pestiziden aus der Landwirtschaft oder mit solchen, die Imker im Kampf gegen Parasiten einsetzen, kann dazu führen, dass das Immunsystem der Bienen geschwächt wird und kann sie anfälliger gegenüber Infektionen machen. Auch das spezifische Problem der systemischen Pestizide und hier vor allem der systemischen Neonicotinoide wird im UNEP Report adressiert.

Systemische Wirkstoffe gelangen nicht nur auf die Pflanze, sondern werden über Pflanzensäfte in alle Pflanzenteile transportiert. Hierdurch können derart behandelte Pflanzen zu chronischen Belastungsquellen für Nicht-Zielorganismen wie Bestäuber werden. Zahlreiche Studien belegen die im Labor nachgewiesenen sub-letalen Effekte der systemischen Neonicotinoid-Wirkstoffe Imidacloprid, Clothianidin und Thiamethoxam auf Bienen und andere Tiere, darunter Katzen, Fische, Vögel und Regenwürmer. Zu den Effekten zählen Einschränkungen des Erinnerungsvermögens, Orientierungsverlust und Veränderungen im Gehirn sowie der Tod von Tieren. Einige Neonicotinoide zeigen in Kombination mit Fungiziden eine um bis zu 1.000-fach erhöhte Toxizität.

Auch auf die Bedeutung der Bienenhaltung geht der Report ein- Er nennt zunächst die 29 bislang bekannten und zum Teil weit verbreiteten Pathogene der Bienen, allen voran die aus Asien stammende Varroa-Milbe, die mittlerweile in ganz Europa und Nordamerika zu finden ist, sowie Nosema und die bereits erwähnte amerikanische Faulbrut. Auch die von den Imkern im Kampf gegen Parasiten eingesetzten Insektizide können die Bienenvölker schwächen. Hinzu kommt die Bedeutung der Ernährung des Bienenvolkes. Proteinarm ernährte Bienenvölker sind anfälliger gegenüber Pestiziden und CCD.

Beiträge zum Schutz von Bestäubern sind laut UNEP die Sicherstellung einer ausreichenden landschaftlichen Vielfalt, die Unterstützung von Landwirten bei der Schaffung von Strukturen für den Bestäuberschutz, die Förderung einer landwirtschaftlichen Praxis, die auf den Einsatz chemisch-synthetischer Pestizide verzichtet und der Anbau Nektar- und Pollenspendender Pflanzen.

Das UNEP macht deutlich, dass Bestäubung kein Service der Natur ist, den man zukünftig umsonst in ausreichender Qualität und Menge erhalten wird. Vielmehr stellt das UNEP klar, dass die Bestäuber in ihrer Leistung unterstützt werden müssen und dass zu ihrem Erhalt Investitionen notwendig sind. Das UNEP ruft dazu auf, mehr für den Schutz und die Pflege von Wildbienen zu tun, da diese die Bestäubungsleistung von Honigbienen wesentlich unterstützen. Darüber hinaus fordert der Bericht, dass in die ökonomische Bewertung landwirtschaftlicher Produktivität die Kosten für den Erhalt von Wildbienen und von domestizierten Bienenvölkern einbezogen werden.

(Susan Haffmans)

1 UNEP (2010): Global honey bee colony disorders and other threads to insect pollinators

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