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Pestizid Aktions-Netzwerk e.V.

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Doppelt so viel Lebensmittel lösen Hungerproblem?

30.09.2010, PAN Germany, Sarah Kuschel

Aus: PAN Germany Pestizid-Brief Juli / August 2010

Weltweit hungern eine Milliarde Menschen1. Den Hunger in der Welt zu stillen ist eine der dringlichsten Herausforderungen der Zukunft. Ob dies gelingt, wird davon abhängen, wie sich zukünftige Generationen ernähren werden, wie viel Lebensmittel weltweit erzeugt werden können und wie diese Nahrungsmittel verteilt werden. In einer neuen Publikation widmet sich die englische Soil Association diesem Thema und macht auf Problematiken in Zusammenhang mit einigen aktuellen Zahlen aufmerksam.

Zwei Zahlen über eine vermeintlich notwendige Steigerung der weltweiten Nahrungsmittelproduktion kursieren und sorgen für Diskussionen: Um mit dem erwarteten Bevölkerungswachstum Schritt zu halten, sei es notwendig, bis zum Jahr 2030 weltweit 50% mehr Nahrungsmittel herzustellen, sowie bis zum Jahr 2050 doppelt so viele. Als Bezugsjahr wird das Jahr 2006 angegeben. Die Soil Association kritisiert die Zahlen und macht deutlich, dass sich das weltweite Hungerproblem durch eine einfache Steigerung der weltweiten Lebensmittelproduktion nicht lösen lasse.

Die Soil Association, eine britische Bauernorganisation, kritisiert diese Zahlen in einem gerade erschienenen Bericht "Telling Porkies. The big fat lie about doubling food production" als irreführend und falsch. Die Zahlen werden laut Soil Association von einigen Wissenschaftlern, Politikern und Vertretern des Agrobusiness missbräuchlich verwendet, um die Ausweitung intensiver Anbaumethoden und den Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen zu legitimieren

.

Zwar wird angesichts der rasant wachsenden Weltbevölkerung auch die Nahrungsmittelproduktion ansteigen müssen. Die Soil Association warnt jedoch vor vermeintlich simplen Lösungen. Denn eine einfache Verdopplung der Nahrungsmittelproduktion mit konventionellen Mitteln könnte die bereits bestehende Importabhängigkeit von Lebensmitteln vieler Entwicklungsländer noch verschärfen und somit dazu führen, dass ungesunde Ernährungsmuster aus Industriestaaten eins zu eins auf die Entwicklungsländer übertagen werden. Mit den entsprechenden ökologischen und gesundheitlichen Folgen.

Als richtigen Schritt in Richtung Ernährungssouveränität sieht die Soil Association stattdessen die Lösung in der Förderung kleinbäuerlicher und ökologischer Landwirtschaft. Dies wird auch im aktuellen Weltagrarbericht von 2009 als wichtige Voraussetzung zur Bekämpfung des Hungers in den ärmsten Ländern angegeben2.

Um die Diskussion neu aufzurollen, ging die Soil Association zunächst dem Ursprung der kursierenden Zahlen nach. Zuerst geäußert wurden diese von UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon und FAO Generalsekretär Jacques Diouf 2008 auf einer hochrangigen Konferenz zum Thema Welternährungssicherheit. Allerdings war für die Soil Association schwer nachvollziehbar, woher die Daten für diese Prognose stammten. Eine Recherche ergab Daten, die ein differenzierteres Bild der Nachfrageentwicklung nach Lebensmitteln bis 2050 zeichnen. Der FAO-Report "World Agriculture: Towards 2030/2050" konstatiert einen Anstieg der Nachfrage nach Lebensmitteln vor allem in den Entwicklungsländern, denn dort ist auch das größte Bevölkerungswachstum zu erwarten. Vor allem die Nachfrage nach Getreide sowie Milch- und Fleischprodukten steige demnach. Allerdings ist keine Verdopplung, sondern bis 2050 eine Steigerung der Nachfrage nach Getreide um 50% zu erwarten, wovon fast die Hälfte auf Futtermittel für die ebenfalls prognostizierte steigende Fleischproduktion entfallen würde. Für Kochbananen, Hackfrüchte und Wurzelgemüse wird von einer Verringerung des Konsums ausgegangen, während der Konsum von Hülsenfrüchten annähernd stagniere. Andere Berichte zeichnen ein ähnliches Bild. So wird ein Anstieg der Nachfrage nach Fleisch in Südasien und im südlichen Afrika um mehr als 100% erwartet, während weltweit eine Steigerung der Rinderbestände um 73% bis 2050 erwartet wird. Auch die von OECD und FAO 2009 veröffentlichten Berichte "Agricultural Outlook, 2009-2018" und "The Ressource Outlook to 2050" gehen von einer regional sehr unterschiedlich steigenden Nachfrage nach Lebensmitteln aus, kommen aber weltweit auf eine notwendige 70%-ige Steigerung der Nahrungsmittelproduktion bis 2050. Das sind immerhin 30% weniger als die behauptete Notwendigkeit einer Verdoppelung (100% Steigerung).

Diese Schätzungen basieren auf Zahlen der UN von 2004, nach denen die Weltbevölkerung bis 2050 auf 8,9 Mrd. Menschen anwachsen könnte. Außerdem wird erwartet, dass die tägliche Aufnahme von Kalorien in den Entwicklungsländern von heute etwa 2650 Kcal auf über 3000 Kcal im Jahre 2050 steigen wird.

Die Soil Association identifiziert vier Hauptprobleme in Zusammenhang mit diesen Prognosen:

1.) Zwar sind Fleisch, Eier und Milchprodukte eine wichtige Quelle für Eiweiß und andere lebenswichtige Nährstoffe, die in der Ernährung sehr vieler Menschen in den ärmsten Ländern fehlen. Andererseits enthalten diese Lebensmittel viele ungesättigte Fettsäuren, die zu Herz- und Gefäßkrankheiten, einigen Krebsarten, sowie auch zu Diabetes Typ 2 führen können. Deshalb besteht die Gefahr, dass mit den Essgewohnheiten der Industrieländer auch die Krankheiten exportiert werden. Schon jetzt ist Adipositas nicht nur in den Industriestaaten ein ernstzunehmendes Problem3.

2.) Viele Entwicklungsländer sind seit den 90er Jahren Nettoimporteure von Lebensmitteln. Also kommt es nicht nur darauf an, wie viel Nahrungsmittel weltweit hergestellt werden, sondern vor allem darauf, ob alle Menschen auch Zugang zu ihnen haben4. Misst man die Ernährungssituation wie die FAO nur in Kalorien pro Kopf, wird nicht deutlich, welche Menschen von Krisen wie Dürre und steigenden Lebensmittelpreisen am meisten betroffen sind, da die Verteilung der Lebensmittel, ähnlich wie beim BIP, nicht gleichmäßig in einer Gesellschaft erfolgt. Lebensmittelsicherheit lässt sich also nicht durch eine einfache Erhöhung der weltweiten Produktion erreichen.

3.) Die FAO prognostiziert, dass viele Entwicklungsländer auch weiterhin Nettoimporteure von Lebensmitteln bleiben werden. Es wird erwartet, dass die Getreideimporte der Entwicklungsländer ab dem Vergleichsdatum 1990-2050 um ein 2,7-faches auf 300 Mio. Tonnen jährlich steigen werden. Dies hat eine große Abhängigkeit der Länder von Weltmarktpreisen zur Folge. Anstatt auf lokale Landwirtschaft zu setzen, werden in diesen Ländern dagegen häufig sog. Cash Crops gefördert, also Produkte, die relativ leicht auf den Weltmärkten absetzbar sind. Dies geht zu Lasten der lokalen Ernährungssicherung, da das beste Agrarland meist für die Cash Crops vorbehalten ist. Dabei wurde schon lange erkannt, dass lokale Landwirtschaft eine herausragende Rolle für die Lebensmittelsicherheit spielt (siehe auch Pestizid-Brief Nov./Dez. 2009).

4.) Auch die FAO erkennt an, dass die alleinige Erreichung der Zielvorgaben für 2030 bzw. 2050 das Problem der Ernährungsunsicherheit nicht lösen könnte. Es werde aufgrund ungerechter Verteilung immer noch einige Länder geben, in denen die Unterernährung auf einem ähnlich hohen Stand wie heute verbleiben würde. 2030 würden immer noch 12% der Bevölkerung der Entwicklungsländer (810 Mio. Menschen) in Ländern mit niedrigem Nahrungsmittelkonsum (unter 2500 Kcal/Tag) leben. 2050 würde dies selbst bei Erreichung des Ziels, die Nahrungsmittelproduktion um 100% zu steigern, immer noch 130 Mio. Menschen betreffen. Um diesem Problem zu begegnen, ist es notwendig, lokale Anbausysteme zu stärken.

Würde man die Übertragung der Ernährungsweise der Industrieländer auf den weltweiten Rahmen anstreben, müsste dies außerdem mit einer Veränderung der Landnutzung einhergehen, hin zu noch intensiven Viehhaltungs- und Anbaumethoden. Dies würde u. a. negative Auswirkungen auf die Tiergesundheit und natürliche Lebensräume wie Regenwälder haben. Laut einer Studie des Wiener Instituts für Soziale Ökologie und des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung wäre es hingegen mit ökologischer Anbauweise sogar im Jahre 2050 noch möglich, die Weltbevölkerung zu ernähren, wenn eine veränderte Ernährungsweise (mit wenig tierischen Produkten) gewählt würde und Vorkehrungen getroffen werden würden, die vorhandenen Nahrungsmittel besser zu verteilen5.

"Telling Porkies" macht deutlich, dass die Prognosen hinsichtlich der Steigerung der Nahrungsmittelproduktion keine geeignete Grundlage sind, um das Problem der Ernährungsunsicherheit anzugehen. Denn die Prognosen gehen davon aus, dass Menschen in den Entwicklungsländern vermehrt Ernährungsgewohnheiten aus den Industriestaaten übernehmen, mit den skizzierten Problemen wie Zivilisationskrankheiten und Abhängigkeit von den Nahrungsmittelpreisen auf den Weltmärkten. Die Soil Association ruft dazu auf, anstelle der Förderung intensiver Landwirtschaft und des Anbaus gentechnisch veränderter Organismen lokale und ökologische Landwirtschaft zu fördern, die Nahrungsmittel produziert, die den Menschen vor Ort zur Deckung ihres Bedarfs zur Verfügung stehen.

(Sarah Kuschel)

Hauptquelle: Soil Association (2010) Telling Porkies. The big fat lie about doubling food production, Bristol, Edinburgh

1 World hunger ‘hits one billion’, BBC News Online, vom 19.Juni 2009 http://news.bbc.co.uk/2/hi/europe/8109698.stm

2 Engel, A., Albrect S. (Hg.)(2009) IAASTD Weltagrarbericht Synthesebericht, Hamburg, S. 12ff.

3 Engel, A., Albrecht S. (Hg.)(2009) IAASTD Weltagrarbericht Synthesebericht, Hamburg

4 Engel, A., Albrect S. (Hrsg.)(2009) IAASTD Weltagrarbericht Synthesebericht, Hamburg

5 Erb, Karl-Heinz et al. (2009): Eating the Planet: Feeding and fuelling the world sustainably, fairly and humanely - a scoping study. Commissioned by Compassion in World Farming and Friends of the Earth UK. Institute of Social Ecology and PIK Potsdam. Vienna: Social Ecol. Working Paper No. 116

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